Stadt, Land, Lovetrain

Original-Post

Wenn man alleine im Auto sitzt und fährt, hat man mit Sicherheit ein paar gute Dinge: man kann die eigene Musik auswählen und praktisch so laut hören, wie man will. Man hat eine gute Sicht nach vorne, man kann bei Störungen relativ einfach die Route ändern, und das hat man selbst in der Hand. Wenn man etwas spät dran ist, ist das nicht so schlimm, weil man mit diesem Fahrzeug bis zum Ziel fährt und man keinen Anschluss verpassen kann. Und wenn es doch mal zeitkritisch wird, kann man selbst entscheiden, etwas auf die Tube zu drücken, um etwas schneller zu sein. Das Schlüsselwort ist hier selbst.

Dass Umleitungsstrecken überfüllt, umständlich oder einfach von der vollgesperrten Autobahn aus unerreichbar sein können, spielt dabei für viele Leute ebenso wenig eine Rolle wie der gesteigerte Spritverbrauch und der meistens recht kleine Zeitgewinn, der mit dem auf-die-Tube-drücken verbunden ist. Und man hat eben Ruhe beim Autofahren. Ist das nichts?

Wer mich kennt, egal ob persönlich oder nur vom Lesen in diesem Blog, wird wissen, dass ich sowas nicht schreiben würde, wenn ich nicht ein sehr großes aber dahinter schreiben würde. Und in der Tat, hier ist es.

Samstag morgen fuhr ich um 9 Uhr mit dem ICE nach Saarbrücken. Bis Mannheim war die zweite Klasse vorne mit Blick auf die Strecke, und da wollte ich natürlich nicht lesen. Ich habe immer ein bisschen Skrupel, Ohrhörer im Ruhebereich aufzusetzen, also bat ich die anderen in der Lounge, mir zu sagen, wenn sie meine Musik hören. Sie bestätigten mir alle, dass sie nichts hören, also stelle ich fest, dass ich auch im Zug die Musik so laut machen kann, wie ich will; okay, dafür braucht man In-Ear-Hörer, aber ich kann es einfach nicht so laut machen, dass es die anderen hören, sonst flögen mir meine Ohren weg. Von Mannheim nach Saarbrücken konnte ich dann hinten rausgucken, aber die meiste Zeit habe ich gelesen und entspannt. Weil wir Umleitung durch Schifferstadt (statt daran vorbei) gefahren sind und noch zwei Langsamfahrstellen auf dem Weg waren, waren wir in Saarbrücken 7 Minuten zu spät, was leider bedeutete, dass ich den Anschluss nach Koblenz nicht erreicht habe. Nun gut, ich hab’s ja nicht wirklich eilig, also fahre ich eben eine Stunde später.

Und, wow, hat es sich gelohnt, nicht bei verpasstem Anschluss direkt nach Frankfurt zurückzufahren, wie ich mir es eigentlich vorgenommen hatte. Die Strecke an der Saar ist sehr interessant und schön, mit viel Schwerindustrie und schönen Flussblicken auf dem Weg. Während ich fahre, wieder Musik höre (lesen kann ich ja nicht, wenn ich gucke) und nichts Böses denke, ist im Abteil vor mir ein Junggesellenabschied, der sich mit Amerikanern unterhält (in etwas schlechtem Englisch, aber was soll’s). In Trier steigen noch zwei Junggesellenabschiede und zwei Junggesellinnenabschiede ein, und diese fünf Gruppen machen fortan auf dem Weg mächtig Stimmung; tanzen, singen, sind friedlich und akzeptieren auch, wenn man nichts abkaufen will. Ja, okay, im Auto hat man sowas nicht, aber auf der anderen Seite, hat man sowas im Auto nicht. Eine der Bräute frage an einer Stelle „Was ist denn das für ein Zug, dass hier so viele Bachelor-Parties drin sind?“ und die Antwort war, dass das der Lovetrain sei! Die Strecke an der Mosel entlang war nicht mehr ganz so aufregend wie die an der Saar (vor allem, weil sie lange nicht so an der Mosel ist wie die Saarstrecke an der Saar ist), aber immernoch sehr sehenswert, und wenn ich sie noch nicht gekannt hätte, wäre auch die Rheinstrecke auf dem Heimweg mehr Aufmerksamkeit wert gewesen, so beachtete ich Loreley und Co gar nicht.

Die Saarburg in Saarburg, wie man sie vom Bahnhof Saarburg aus sehen kann. Kurz vorher gibt es wunderschöne Blicke vom Zug auf Saar und Strecke und Straße, aber aus dem Zugfenster zu fotografieren ist immer so ’ne Sache…

Auch am Sonntag war ich noch unterwegs. ICE von Frankfurt nach Dresden, mit der zweiten Klasse bis Lepizig hinten, also keine Sicht (und bei den ICE-T scheint der Standard auch hinten eine milchige Scheibe zu sein, im Gegensatz zum ICE3. Zeit, Dr. Strangelove or how I learned to stop worrying and love the bomb zu schauen, nachdem mir davon gestern gerade wieder erzählt wurde. Kurz vor Leipzig handelten wir uns dann 25 Minuten an einer Signalstörung ein, und in Leipzig saß ich zwar vorne in meinem 415, aber es wurde ein 411 davorgehängt, der aber als Leerfahrt bis Dresden mitfuhr. Bis Riesa war die Verspätung bei 29 Minuten, trotz einer etwa zwanzig Kilometerlangen LZB-geführten Überholung auf dem Gegengleis (waren drei Züge, die wir da überholt haben), und weil wir Dresden-Neustadt umfahren haben, kamen wir mit „nur“ noch 25 Miesen in Dresden an. Kein Problem, wenn man 57 Minuten Umsteigezeit hat. Während dieser Zeit sollten zwei ECs ankommen, einer aus Prag, einer nach Prag, leider war der eine viel zu spät (der aus Tschechien), und der andere hielt komplett in der Halle, so dass er etwas unfotogen dastand.

Kurz vor Leipzig-Leutzsch, wo wir aufgrund einer Signalstörung einige Zeit verbrachten

Mein eigentliches Ziel bei der Reise war aber nicht Dresden und die internationalen Schnellzüge dort (das kommt noch), sondern der Franken-Sachsen-Express; drei 612er, die von Dresden über Zwickau, Chemnitz, Hof und Bayreuth nach Nürnberg eilen. Der Bahnsteig war zwar schwarz vor Leuten, aber ganz vorne war fast keiner, so dass ich (zunächst) recht viel Platz hatte. In Chemnitz stieg dann eine Mutter mit Sohn (ca. 14) und zwei Töchtern (eine etwa gleich alt, eine eher 8-10 Jahre alt) ein, die sich bei mir niederließen. Die beiden Mädels saßen bei mir, Mutter und Sohn über den Gang. Bei der ersten Runde Stadt, Land, Fluss — Buchstabe H — kam keiner der Mitspieler auf einen Staat, und ich schrieb vollkommen zusammenhanglos auf meinen Block in großen Buchstaben „HONDURAS“ und „HAVEL“ (die ältere Tochter hatte bei Land und Fluss lücken, die Jüngere hat erst danach selbst mitgespielt). Die ältere Tochter schreibt also „Havel“ bei Land und „Honduras“ bei Fluss. Ähm, naja. Sie erkennt mein Zeichen und behauptet dann, sie habe die Überschriften verwechselt. War ja die erste Runde. Danach helfe ich zwar nicht mehr, höre aber immer mehr zu, trage einen Fluss mit J bei (alle hatten sich darauf geeinigt, dass sie keinen wissen, und ich bin neben Jade noch durch „Jerusalem“, „Judäa“ (hat nicht gezählt) und „Jesus“ auf den Jordan gekommen — ob es wirklich einen Fluss namens Jade am Jadebusen gibt, wusste ich nicht sicher) und komme so mit den vieren ins Gespräch. Die Kleine fragt nach meinem Kindle, und wir unterhalten uns über das Schöne Wochenende-Ticket (mit dem die vier von den Großeltern, Tanten und Onkeln in Sachsen nach Hause in München zurückfahren) und den Deutschland-Pass. Ja, im Auto hätte ich meine Ruhe gehabt. Und mich total auf die Landschaft konzentrieren können (also mit dem Teil in mir, der sich nicht auf die Straße konzentrieren muss und noch nicht vom vorhergehenden konzentrieren auf Straße und Landschaft ermüdet ist), aber ich habe auch während dem Gespräch viel von der sehr schönen Strecke gesehen und wirklich viel Spaß gehabt.

Blick vom und auf den Bahnhof Dresden mit Straßenbahn und ICE.

Eine Langsamfahrstelle kurz vor Nürnberg hat dann für 5 Minuten Verspätung gesorgt, was bei 10 planmäßigen Umsteigeminuten wesentlich kritischer als die Situation 5 Stunden vorher in Dresden war, aber als ich dann ans Gleis gehetzt war, sehe ich, dass der ICE sowieso „ein paar Minuten“ verspätet ist. Ich wollte grade darüber twittern, als ein Zug auf dem Gleis einfährt — allerdings nicht ganz der Zug, den ich erwartet habe, sondern ein Dampfsonderzug mit 52 8195 von den Eisenbahnfreunden Fürth (oder so). Dann kam auch die Ansage, dass der ICE heute von Gleis 7 führe, also musste ich nochmal den Bahnsteig wechseln. Der ICE aus Wien fuhr dann mit 16 Minuten Verspätung in Nürnberg mit der zweiten Klasse voraus und klarer Scheibe und freiem Sitzplatz ganz vorne los. Als ich Anfang Juni mit meiner Familie in München war, hatte ich mich gefragt, wieviel Luft eigentlich im Fahrplan zwischen Nürnberg und Würzburg ist, denn der Zug war durchgängig deutlich weniger als Höchstgeschwindigkeit gefahren (unter anderem komplett unter 150 km/h, trotz 25 km langer 200 km/h-Strecke) und genau pünktlich in Würzburg angekommen. Heute habe ich es rausgefunden: Es sind 10 Minuten drin. Die hatten wir nämlich mit ziemlich zügiger Fahrweise in Würzburg reingeholt. 230 km/h auf dem Weg zur Nantenbacher Kurve hinter Würzburg und das Ausfahren aller Geschwindigkeitserhöhungen im Spessart ließen uns dann etwa in Dettingen wieder komplett pünktlich sein (was durch zweimal Vr0 kurz vor Frankfurt Süd wieder zunichte gemacht wurde und in +3′ in Frankfurt Hauptbahnhof resultierte) — Kompliment an den Fahrer!

Da denkt man an nichts böses, wartet auf seinen ICE, und statt dessen fährt eine Güterzugdampflok mit einem Sonderzug durch den Nürnberger Hauptbahnhof und mein ICE drei Gleise weiter rechts. Ich scheine momentan Glück mit unverhofften Sonderzügen zu haben…

Also, zum Zusammenfassen: Im Auto kann man nicht lesen (das Buch war übrigens am Samstag schon ausgelesen). Man kann nicht Stadt, Land, Fluss spielen. Man sieht keine Junggesellinnenabschiede, und auch keine Junggesellenabschiede. Wenn man mal keinen Bock auf die Leute hat, kein Problem im Zug, Ohrhörer rein, Musik an und alles ist weg. Man kann auch nicht kurz mal die Landschaft Landschaft sein lassen und die Augen zu machen (okay, technisch gesehen kann man das schon, aber typischerweise immer nur einmal). Man kann Verspätungen auch wieder reinholen, auch wenn man nichts dafür tut. Man kann entspannen — man muss sich nur darauf einlassen. Oh, und bevor ich’s vergesse: Man kann auch das typische Schnellfahrstreckenfeeling auf 130 Jahre alten Strecken haben, zwischen Rupprechtstegen und Velden geht die Fichtelgebirgsbahn von Tunnel auf Brücke auf Tunnel auf Brücke und so weiter. War unerwartet und irgendwie cool. Und 160 km/h durch geschlossene Ortschaften geht zwar prinzipiell auch, aber da habe ich aus bestimmten Gründen doch bei der Schiene immer ein besseres Gefühl als mit dem Auto… (tl;dr, ich weiß.)

baeuchle

Autor: baeuchle

Baujahr 1984, Maikind. Geboren in Frankfurt, aufgewachsen in Frankfurt, bis ins Alter von 31 Jahren eigentlich immer Frankfurt. Jetzt Kassel. Ausführliche Vorstellung

2 Gedanken zu „Stadt, Land, Lovetrain“

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