Aufzüge ins Paradies

Ein Zeitungsartikel samt Interview hat mich vor zwei Monaten daran erinnert, dass ich eigentlich mal Arthur C. Clarke’s „Fountains of Paradise“, auf deutsch „Fahrstuhl zu den Sternen“ lesen wollte. Habe ich dann gemacht.

Es geht um die Konstruktion eines Weltraumliftes, also prinzipiell ein senkrechtes  Seil, das so lange ist, dass seine Schwerkraft durch die Fliehkraft der Erdumdrehung ausgeglichen wird. Von diesem Konzept habe ich das erste mal vor etwa 15 Jahren in Science of Discworld gelesen, mit Verweis auf das Buch von Clarke, und im ersten Semester gab es eine Übungsaufgabe in Experimentalphysik, bei der wir ausrechnen sollten, wie lange ein solches Seil sein müsste und welche Zugkräfte es aushalten müsste. (Wenn das Seil überall gleich dick ist, müsste es etwa 100 000 km lang sein und etwa 1000 mal stärker als Stahl sein, wenn ich mich richtig erinnere.) Clarke, der die Idee allerdings nicht erfunden hat, hat 1979 also eine Geschichte um den Bau des ersten solchen Seils und des Aufzuges, der darumgebaut wird, geschrieben, und sich dabei durchaus eingehende Gedanken über orbitale Bewegungen von Satelliten etc gemacht.

Er träumt von einem synthetischen Diamanten (und schreibt Jahre später im Vorwort, wie erstaunt er ist, dass ein solches Material mit Kohlenstoff-Nanoröhrchen und Fullerenen tatsächlich gefunden wurde und sich als sehr reißfest erweist), und von Computern, die jeder mit sich rumtragen kann und die „mehrere tausend Berechnungen pro Sekunde“ ausführen können. Und so ist neben dem für mich als Physiker interessanten Aspekten des Weltraumliftes eben auch der Blick auf Zukunftstechnologien sehr interessant. Es gibt ein System, mit dem jeder auf alle Informationen der Welt zugreifen kann (um sie sich dann auszudrucken) und in dem man jede Person auf der Welt finden kann, auch wenn sie mal umgezogen ist. Somit verschwendet man keine Zeit mehr damit, sein Adressbuch aktuell zu halten! Von Katzenvideos wird allerdings nichts gesagt.

In der Geschichte selbst wird die Jetztzeit (das 22. Jahrhundert) mit einer Geschichte von vor 2000 Jahren verwoben, denn die einzige geeignete Stelle für den Aufzug ist an einem Berggipfel, auf dem ein sehr altes Kloster steht. Zwar sind Religionen seit dem Erstkontakt mit einer Außerirdischen Raumsonde 70 Jahre vorher total out, aber Spiritualität lebt selbstverständlich trotzdem weiter.

Als technikaffinen Zukunftsroman macht Fountains of Paradise mit in jedem Fall sehr viel Lust darauf, in Zukunft noch mehr Bücher von Clarke zu lesen.

Meg’s Geschichte

Eine ungewöhnliche Inspirationsquelle für ein neues Buch hat sich mir in der Rede von Chelsea Clinton beim Parteitag der US-Demokraten präsentiert, als sie davon sprach, wie sie mit „A Wrinkle in Time“ aufgewachsen ist. Nach kurzer Recherche entschloss ich mich, das auch mal zu lesen. Das Buch ist der erste Teil eines Quintetts, dessen andere Bücher ich im Anschluss auch gelesen habe.

Die Zeitfalte, so der deutsche Titel des ersten Buches, ist eine sehr klassische Gut/Böse-Geschichte. Meg, die 13-jährige Hauptperson, reist mit ihrem vierjährigen, aber mental schon ziemlich erwachsenen, Bruder Charles Wallace, und einem Freund, Calvin, mit der Hilfe von mystischen Gestalten auf fremde Planeten, um ihren Physiker-Vater vor einem bösen, körperlosen Gehirn zu retten. Dieses will alles gleichmachen, doch sie findet heraus, dass das nicht erstrebenswert ist, auch wenn sie sich oft wünscht, den anderen Kindern in der Schule ähnlicher zu sein.

A Wind in the Door spielt zwei Jahre später. Meg macht sich mit Calvin und einem Cherubim (so eine Art viele Drachen in einem) auf, diesmal in eine von Charles Wallace’s Zellen, in ein Mitochondrium, in dem ihre Biologen-Mutter neue Wesen, die Farandola, postuliert hat. Diese sollen so symbiotisch in den Mitochondrien leben wie diese in unseren Zellen, aber zu klein sein, um gesehen zu werden. Nun gilt es, eine dieser Dinger zu überzeugen, nicht einen auf Hippie zu machen (ich paraphrasiere hier mal, was die Autorin Madeleine L’Engle damals in 1973 wohl gemeint haben möge), sondern sich wie seine Eltern zu verhalten und damit in diesem einen Mitochondrium in dieser einen Zelle dieses einen kleinen Jungen in diesem einen Planeten in der einen Galaxie die gesamte Balance des Universums so zu verschieben, dass sowohl Charles Wallace als auch das ganze Universum gerettet wird.

In A Swiftly Tilting Planet erfahren wir dann, dass die Mutter für die Entdeckung der Farandola den Nobelpreis erhalten hat, und dass der Vater für den Präsidenten der Vereinigten Staaten ein so wichtiger Ratgeber ist, dass er abends persönlich angerufen wird und als einer der wenigen Menschen erfährt, dass dieser eine Südamerikanische Präsident wohl morgen den Atomkrieg anfangen wird. Die mittlerweile 23-jährige Meg ist momentan von ihrem Ehemann Calvin schwanger, und dessen Mutter gibt Charles Wallace einen alten Zauberspruch aus Wales, den er auf seiner Reise in der folgenden Nacht oft weitergeben wird: Mit Hilfe eines Einhorns springt er in der Zeit zurück und wird Zeuge, wie zwei Prinzen aus Wales lange vor den Wikingern in Nordamerika landen; der junge Prinz natürlich der gute, reine, der ältere der Böse. Deren Nachkommen über die Jahrhunderte resultieren letztlich in dem Diktator in Südamerika, und es ist Charles’ Aufgabe (immer IM Geist eines der Protagonisten der Episode), dafür zu sorgen, dass bei jedem Aufeinandertreffen der Nachkommen der Gute gewinnt und letztlich der Regierungschef mit den Atomwaffen aus der guten Reihe kommt.

Charles Wallace und Meg nehmen dann in Many Waters eine Nebenrolle ein, als wir deren Zwillingsbrüder Sandy und Dennys begleiten. Diese sind bisher immer nur nebenbei aufgetaucht und drei Jahre jünger als Meg. Nun laufen sie etwa vier Jahre vor den Ereignissen in A Swiftly Tilting Planet in ein Experiment ihres Vaters herein, dass sie in die Zeit vor der biblischen Sintflut in die Oase, in der Noah und seine Familie wohnen, versetzt. Auch hier gibt es einen Kampf der Guten gegen die Bösen. Wir alle wissen natürlich, dass da eine Flut kommen wird, und die Zwillinge wissen das auch. Die Geschichte bis dahin ist ganz nett und durchaus spannend, aber das Ende ist schlichtweg unkreativ und entwickelt sich eigentlich nicht aus der Geschichte heraus, sondern hätte auch die ganze Zeit so kommen können.

Schließlich sind wir in An Acceptable Time bei Meg’s Tochter Polly angelangt, und eigentlich ist das eine Geschichte, die auch in eine andere Reihe von Büchern über Polly passt. Polly stolpert bei ihren Großeltern (der Nobelpreisträgerin und dem Physiker) immer wieder in einen anderen „Zeitkreis“, der 3000 Jahre in der Vergangenheit liegt und besonders kurz vor Halloween stark mit „unserer“ Zeit verknüpft ist. Neben ihr kann ein befreundeter Bischof, ein Bekannter von Polly und eine Cobra, sowie zwei Menschen und ein Hund aus der alten Zeit, zwischen den Zeitkreisen wechseln – manchmal. „Damals“ herrscht Dürre, und das Volk des Windes, dem Charles Wallace schon in A Swiftly Tilting Planet begegnet war, wird wieder mal (beziehungsweise damals schon) von dem bösen Stamm von jenseits des Sees bedroht. Wieder sind zwei Brüder aus Wales per Schiff über den Atlantik gekommen und landeinwärts weitergezogen, um genau dort zu landen.

Allen Büchern ist gemeinsam, dass die Autorin versucht, ihren Geschichten den Hauch von wissenschaftlicher Plausibilität zu vermitteln, sich dabei aber bei Motiven und Gedanken aus New-Age-Pseudozeugs bedienen. Für meinen Geschmack gibt es zu viele Punkte, an denen ich mich Frage, ob sie die Grundlagen der jeweiligen Disziplinen genug verstanden hat, um davon ausgehend eine Fantasiewelt zu erschaffen (wie ich es bei Pratchett immer empfunden habe), oder ob sie einfach wissenschaftliche Worte verwendet, um ihren narrativen Erfindungen die Illusion der Glaubwürdigkeit zu geben. Ein Beispiel, aus dem letztgelesenen Buch: Polly’s Opa versucht, sie zu beruhigen und „auf den Boden der Realität“ zurückzuholen, und fragt sie Physik-Dinge ab. Zum Beispiel, woraus ein Proton besteht. 3 Quarks, antwortet Polly. Opa fragt darauf, welche Richtung, und Polly antwortet: „two up, one down.“ Ein Proton besteht tatsächlich aus zwei Up- und einem Down-Quark, aber das sind keine Richtungen, sondern Bezeichnungen für zwei Arten von Quarks, die nichts mit den gewöhnlichen Konzepten von hoch, runter, Seltsamkeit, Anmut, Unten und oben zu tun haben, auch wenn die Teilchen up, down, strange, charm, bottom und top genannt wurden. Kurz gesagt: Hier ist ein kleiner Teil gehört und gründlich missverstanden worden. Ähnliches lässt sich über die Relativitätstheorie sagen.

Wie gesagt, Fantasy muss nicht wissenschaftlich korrekt sein, aber hier ist für mich wirklich einfach zu viel Märchen vermischt mit Pseudo-Blabla.

Darüberhinaus sind die Bücher zwar nicht explizit pro-Christlich, und teilweise sogar Christentumskritisch, aber immer wieder kommen Motive aus Bibel und Thora vor; und immer wieder sind diese wahr (das beinhaltet die oben erwähnte Geschichte von Noah, aber auch Jesus). Die Ureinwohner werden so beschrieben, als glaubten sie eigentlich auch an den gleichen Gott wie die zivilisierten Völker, wissen es nur nicht – überhaupt, die Urvölker Amerikas werden sehr stark verfeuersteint, also in ein romantisches, modern geprägtes Weltbild von damals hineingepresst. Flintstonization ist ein Konzept, dass ich im Buch Sex at Dawn kennengelernt habe; es besagt eben, dass viele Anthropologen in die Funde von Steinzeitmenschen ihre heutige Gesellschaftsform hineininterpretieren, wir wissen ja immerhin, dass die Steinzeitmenschen genauso gelebt haben wie wir – siehe Fred Feuerstein (oder Flintstone, im Original). Ähnliches passiert hier; als gröbsten Fehler sehe ich die Annahme, dass die Ureinwohner Nordamerikas vor 3000 Jahren Landwirtschaft betrieben hätten und sesshaft waren. (Warum das ein Problem wäre, habe ich in Guns, Germs and Steel gelernt.)

Langer Rede kurzer Sinn: Keine guten Bücher.

Utopia’s Krone

Dass ich schon zu lange nichts mehr am Blog gemacht habe, sieht man daran, dass ich nun nach den ersten beiden auch noch einen dritten Artikel über das, was ich in der Zwischenzeit gelesen habe, schreibe.

Mein Lieblingsautor ist im März 2015 gestorben. Bis Dezember 2014 konnte er trotz Alzheimer schreiben; seine beiden letzten Bücher sind mittlerweile erschienen. The Shepherd’s Crown – Die Krone des Schäfers – ist ein Scheibenweltroman mit Tiffany Aching, und ziemlich wörtlich eine Geschichte vom Leben nach dem Tod. Nicht so sehr für die gestorbene Person, sondern für diejenigen drumherum. Und wenn, wie hier, die mächtigste Hexe der Welt stirbt (das ist kein großer Spoiler, denn damit fängt die Geschichte an), hat das auf sehr viele Menschen – und andere Wesen – Einfluss. Ein wenig Who-is-who der Scheibenwelt-Charaktere, vor allem diejenigen, die in den Büchern mit Granny Wheatherwax aufgetaucht sind, runden wenigstens diesen Teil der Scheibenwelt-Saga schön ab. Leider merkt man aber an ein oder zwei Stellen, dass die Geschichte nicht fertig erzählt war und zwischendurch offene Geschichtsfäden rumhängen, die in einem vollständigen Buch geschlossen worden wären.

Ähnlich fällt das Urteil zu The Long Utopia, dem letzten Buch der Long Earth-Reihe: Würdiges Ende, in dem viele Handlungsstränge der anderen Büchern elegant beendet werden, aber von der Geschichte her irgendwie unvollständig. Mein früherer Eindruck, dass die Grundidee (der parallelen Welten) etwas sehr wirr und schlecht ausgedacht ist, bleibt bestehen; es war genauso wirr gedacht, wie ich dachte, und dies wird als wichtiges, ungeklärtes Element in die Auflösung der Geschichte eingebaut. Wie gesagt, auch hier fehlt einfach was, und das ist wirklich sehr schade.

Noch mehr Krieg

Nach der langen, fiktiven Geschichte eines realen Krieges war ich gespannt auf die wahrgeglaubte Geschichte eines fiktiven Krieges; H.G. Wells‘ Krieg der Welten. Außer, dass bei einem Hörspiel dieses Buches mal eine Massenpanik ausgebrochen ist, weil die Hörer tatsächlich glaubten, die Welt werde angegriffen, wusste ich nicht viel von diesem Buch. Die Geschichte spielt sich innerhalb weniger Wochen ab, der namenlose Ich-Erzähler berichtet davon, wie die Marsianer in England landen, alles kaputt machen und viele Menschen umbringen (er entflieht einige Male aus schierem Glück) und wie die Menschheit letztendlich überlebt. Dabei sind einige interessante mikrobiologische Aspekte interessant, aber auch davon abgesehen ist es ein recht kurzweiliges Buch.

Noch mehr Erzählungen aus dem Weltall las ich dann in „Der kleine Prinz“, in der der kleine Prinz von seinem Planeten viele hintergründige Dinge über Könige, Buchhalter, Hüte und Flugzeuge lernt. Ein Kinderbuch, ich weiß, aber ich habe es als Kind nie gelesen, und es hat mir viel Spaß gemacht, dies jetzt nachzuholen.

Träumender Mars und das Epos

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Die Traumpfade sind mittlerweile ausgelesen; ein Großteil der zweiten Hälfte besteht aus zusammengeworfenen alten Tagebucheinträgen, die alle zeigen sollen, wie sehr die Menschen doch eigentlich Nomaden sind. Erzählt „während“ dem Warten auf Freunde (in der Mantelgeschichte) ist das doch stellenweise leider sehr anstrengend. Trotzdem gutes Buch!

Der Lange Mars

Dann gab’s da den langen Mars, eine Fortsetzung der Langen Erde die ich mir, trotzdem ich von den ersten beiden Büchern der Reihe nicht restlos begeistert war, dennoch durchgelesen habe. Wie der Name vermuten lässt, setzt sich die Parallelwelten-Geschichte hier auf dem Mars fort, allerdings sind die Parallelwelten des Mars in anderen Dimensionen als die der Erde. Wo der „Sprung“ ist, wird mir nicht klar, und — ja, ich weiß ja, es ist Fantasy — das hat meinen Lesefluss schon etwas gestört. Dafür geht die Geschichte etwas sinnvoller weiter als in den ersten beiden Büchern, würde also einen vierten Band wohl auch wieder lesen.

Jane Eyre

Charlotte Brontë schrieb in den 1840er Jahren diesen Roman über eine eigenwillige und -ständige Frau, die sich nicht gefallen lässt, wenn sie unfair behandelt wird. Am Ende (Achtung, Spoiler!) heiratet sie jedoch den ersten Mann, den sie kennenlernt (sie lässt sich aber vorher noch etwas bitten). Das gibt dem Buch aus meiner Sicht einen etwas faden Beigeschmack, und das Happy End erinnerte mich etwas an Dickens. Trotzdem eine beeindruckende Schilderung einer beeindruckenden Frau.

Polarlystur 2014

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Polarlichter sehen. Endlich. Das war das Ziel des Geburtstagsgeschenk von mir und meiner Restfamilie für meines Vaters letzten, runden Jahrestag. Sowas macht man natürlich am besten in Norwegen, und natürlich fiel gleich die Wahl auf die Nordlichthauptstadt Tromsø. Doch nicht nur einfach Tromsø war angesagt, nein, wir wollten mit dem ältesten Schiff der Hurtigrute, das noch in Betrieb ist (nur noch diesen Winter!) hin- und zurückfahren.

Die Schiffe von Hurtigruten fahren von Bergen über Trondheim und Tromsø bis Kirkenes und dann zurück. Also ausgemacht: Wir fliegen nach Trondheim, nehmen das Schiff bis Tromsø, bleiben dort bis das Schiff wieder zurück ist und schippern dann runter nach Trondheim, von wo aus wir heimfliegen. Ok?

Nun ja: Ich will nicht aus Spaß fliegen. Ich mach’s kurz: Bahnfahren nach Skandinavien wird immer schwieriger, besonders am Wochenende, wenn einige der Fernzüge ausfallen (und wir mussten Sonntag morgen in Trondheim sein). Papa und ich sind letzten Endes Freitags in Frankfurt in den ICE nach Kiel (der wegen oberleitungsschadenbedingter Umleitung am Ende 61 Minuten Verspätung hatte), dann planmäßige 1h16′ Umsteigezeit (also real noch 15 Minuten, um vom Bahnhof zum Kai zu kommen) zum Schiff nach Oslo (wir kamen als letzte grade noch pünktlich an Bord). Dort am nächsten Tag dann Zug nach Trondheim. Die drei Frauen kamen da kurz vor uns mit dem Flieger an.

Die beiden Inseln Søndre Kaholmen und Nordre Kaholmen im Oslofjord.
Stortinget: Das norwegische Parlament. War im Sommer noch hinter Gerüsten.

Am nächsten Tag also aufs Schiff. Schlecht: Kein W-LAN verfügbar (obwohl so beworben), und den PrePaid-UMTS-Vertrag, den ich mir in Oslo gekauft hatte, konnte ich nicht selbst aktivieren. Gut: Wir sind auf dem Weg! Sonntag Mittag (12 Uhr) bis Dienstag Mittag (14 Uhr) waren wir auf dem Schiff, bevor wir in Tromsø von Bord gingen und ein geräumiges Appartement bezogen, mit Küche, Wohnzimmer und drei Schlafzimmern. Auf dem Weg tatsächlich schon abends die ersten Nordlichter!

Begegnung in Rørvik: MS Nordnorge ging grade nach Süden, wir mit der Lofoten (rechts) nach Norden. Die Laterne am Heck der Lofoten ist der Vollmond.
Die ersten Anflüge von Nordlichtern. Mit bloßen Auge war allerdings kaum Farbe zu erkennen.

Die Tage in Tromsø verbrachten wir mit Langlaufen (außer UKS für alle das erste Mal auf Skiern), und damit, uns zu wundern, wie viel Uhr es ist (um 15 Uhr muss man sich anstrengen, nicht zu denken, dass es schon 20 Uhr ist, um 22 Uhr muss man sich anstrengen, daran zu denken, ins Bett zu gehen – komisches Gefühl, das). Wir saßen einer Fehlinformation auf, dass es früh morgens besondere Nordlichter geben solle – angeblich habe es eine große Protuberanz auf der Sonne gesehen. Im Nachhinein ist die Quelle sehr fragwürdig, aber trotzdem waren wir alle um 6 Uhr aufgestanden und auf den vereisten Prestvannet gefahren, um zwei Stunden lang in den Himmel zu gucken. Bessere Quellen (=Einheimische) sagten uns dann, dass man morgens sowieso keine Nordlichter sehen würde, weil die dann weiter im Norden seien. Mist.

Ein beleuchteter (nicht Weihnachts-)Baum am Hafen in Tromsø.
Blick von dem vereisten Prestvannet beim (fehlgeschlagenen) morgendlichen Versuch, Nordlichter zu sehen.
Mittagsaussicht aufs Meer. Nein, wirklich, Mittag. Die Sonne ist aber noch hinterm Berg…

Noch am gleichen Abend wurden wir aber entschädigt, und das über alle Maßen. Deutliche Lichter ließen uns den Bus nehmen; diesmal zur Südspitze der Insel. Hier fanden wir dank OSM einen Aussichtspunkt (an dem wir ansonsten vorbeigelaufen wären) und verbrachten dort etwa eine Stunde mit offenen Mündern, während der Himmel über uns sich ins Zeug legte und unbeschreibliche Anblicke gewährte.

Nordlicht mit Stativ und mir im Vordergrund. Blick ungefähr in Richtung Süden.
Blick nach Westen.

Als das Spektakel nachließ, gingen wir zu einer anderen Bushaltestelle, um noch etwas zu spazieren. Als wir dort ankamen, ging es mit den Nordlichtern weiter, und zwar noch eine Stufe stärker. Hier, am Meer, blieben wir noch etwa eine halbe Stunde, bis wir uns dann wirklich sattgesehen hatten.

Die Spiegelung der Polarlichter auf dem Meer hat man auch mit bloßem Auge, wenn auch nur schwach, sehen können. Mit 30 Sekunden Belichtungszeit kommt das aber zugegebenermaßen noch ein wenig besser raus.

Die mittlerweile vier Stunden Helligkeit am nächsten Tag (davon nur etwa 30 Minuten mit hinter den Bergen hervorschauender Sonne) nutzten wir für einen kleinen Spaziergang. Freitags Nachts kam dann das Schiff eine Stunde zu spät (aber wir wurden angerufen und vorgewarnt, sodass wir im warmen bleiben konnten). Auf der Rückfahrt gab es dann ein Eisskulpturmuseum und zwei Nächte lang so starken Seegang, dass ich nicht schlafen konnte (mir wurde nicht schlecht, aber ich konnte einfach nicht einschlafen).

Riesige Eiskristalle wie diese gab es in Tromsø nach knapp vier Wochen ohne Schnee, aber Temperaturen unter Null, zu Hauf.
Einen verschneiten Laubwald habe ich bis jetzt selten gesehen; meistens sind noch Tannen oder so dazwischen, aber hier im Norden gibt es eben nur Birken. Unwirklich wirkt das.
Eisskulpturen in Svolvær. Leider nichts aus einem Block geschnitzt, sondern zusammengesetzt. Nett, aber nicht unbedingt die 10 Euro Eintritt wert.

Schließlich kamen wir in Trondheim an, Montag morgens um 6 Uhr, wir konnten aber bis 8 Uhr in den Kabinen und bis kurz 10 auf dem Schiff bleiben, sodass wir einen gemütlichen Morgen hatten. Dann gab es noch ein paar Stunden Freizeit – die Frauen gingen shoppen, die Männer eine Runde Trambahn fahren – und dann zum Zug zum Flughafen und zurückgeflogen. (Die Rückfahrtsmöglichkeiten per Bahn und/oder Schiff waren noch bescheidener als die Hinfahrt, daher ließ ich mich breitschlagen.)

Oh, in Oslo beim Umsteigen sind wir nicht durch die Gangway ins Terminal, sondern mit dem Bus drumherum gefahren. Dann durch das Terminal zum Flug nach Frankfurt im … gleichen Flugzeug wieder.

Harald Töpfer und die Lange Erde

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Zwischen Gesprächen über Twitter, Urlaub und Wahlkampf habe ich in den letzten Monaten durchaus auch weiter gelesen. Höchste Zeit für ein paar Reviews!

Für den Urlaub und danach habe ich das erste Mal wirklich e-Bücher gekauft; bezahlen ist wie bei Amazon üblich sehr einfach und die Inhalte ähnlich aufgearbeitet wie bei den freien Büchern, die ich mir bis jetzt immer heruntergeladen hatte.

Sachbücher

Evolution: The Triumph of an Idea von Carl Zimmer ist ein Buch darüber, wie gut doch Evolution funktioniert. Es fängt an mit einer minutiösen Nacherzählung von Darwin’s Lebensweg, die ich am Anfang etwas überflüssig fand, die sich aber nachher doch gut in das Buch einfügt. Es wird klar gemacht, dass Evolutionstheorie Vorhersagen getroffen hat, die sich später als wahr herausgestellt haben, und das in einer großen Menge von verschiedenen Feldern, vor allem natürlich in der Genetik, einem Bereich, von dem Darwin noch absolut nichts wissen konnte. Die Ausführungen über die Evolution der Sprache am Ende empfand ich dann als etwas unsauber und wenig überzeugend, trotzdem bietet das Buch eine sehr schöne Übersicht über State of the Art und auch Status der Angriffe auf die Theorie. Das e-Book an sich hat allerdings all die kleinen erklärenden Boxen, die laut der Empfehlerin dieses Buches die Printversion verzieren, nicht.

The Signal and the Noise: Why so Many Predictions Fail – but Some Don’t von Nate Silver ist ein Buch über Statistik, Fehler und Vorhersagen. Eine der Grundaussagen des Buches ist es, dass es eigentlich immer besser ist, zu sagen, dass man sich unsicher ist, und diese Unsicherheit nach Möglichkeit zu quantifizieren. Silver erzählt in Anekdoten, von Sportwetten, politischen Vorhersagen, Wirtschaftsdaten, Erdbebenvorhersagen, Klima- und Wettermodellen und Pokerspielen und beleuchtet dabei Fehler, die einer der Disziplinen (fast) eigen sind, und Fehler, die überall gemacht werden; Disziplinen, in denen Vorhersagen gut klappen, und Disziplinen, in denen man mit einer Münze bessere Chancen auf korrekte Vorhersagen hat. Mir hat das Lesen viel Spaß gemacht; Silver hat viel mit den tatsächlich betroffenen Leuten geredet, etwa mit denen, die den Schachcomputer betreut haben, der Kasparov geschlagen hat, und er schreibt daraus spannende, aber lehrreiche Geschichten.

Scheibenwelt

Sollte ich erwähnen: Obwohl alle Scheibenweltbücher als Paperback bei mir im Regal stehen, habe ich Small Gods und The Amazing Maurice and His Educated Rodents für den kindle gekauft. Natürlich war diese Investition jeden Cent wert.

Harry Potter

Die Romane über den jugendlichen Zauberer Harald Töpfer von J.K. Rowling kann man nicht bei Amazon kaufen, sondern nur über einen externen Shop. Ich kannte bisher nur die Filme und war sehr gespannt auf die sieben Bücher; es hat auch nicht lange gedauert, bis ich sie alle gelesen hatte, nachdem ich einmal damit angefangen habe. Die ersten Romane sind sehr märchenhaft, und dann wird es immer düsterer. Genau diese Adjektive würde ich auch für die Filme verwenden – obwohl ich diese also eher zu düster empfand, muss ich jetzt sagen, dass die Stimmung der Bücher gut wiedergegeben ist. Und gegen Ende wird es auch wirklich immer spannender.

Nun habe ich ein paar Logik-Probleme mit der Geschichte, und ich meine damit nicht die Tatsache, dass da jemand zaubern kann und auch nicht die märchenhafte Überzeichnung von Harry’s Stieffamilie, aber ich probiere mal, über die unsinnigen Spielregeln bei Quidditch hinwegzusehen. Dann bleibt noch die uneingeschränkte Fähigkeit von Snape (!), alle Regeln zu brechen und seinem Haus-Team den Quidditch-Platz zum trainieren zu geben, obwohl er eigentlich für ein anderes Team reserviert war, und dass die Spiele manchmal verschoben werden, wenn ein Spieler krank ist, und manchmal nicht (und dass es grundsätzlich keine Ersatzspieler gibt). Und natürlich dieses ganze Punkte-System zwischen den Häusern, die scheinbar nur Snape zu ungunsten der anderen Häuser ausnutzt. Na gut, vielleicht einfach auch hier „Märchen“. Trotz allem wirklich schöne Bücher. Wenn ich logisch geschlossene Fantasy möchte, kann ich ja Terry Pratchett lesen.

The Long Earth

Mit Stephen Baxter zusammen schreibt ebenjener Autor zwei Bücher: The Long Earth und The Long War (Long Earth), die eine gemeinsame Geschichte erzählen. Diese spielen in der nicht allzuweit entfernten Zukunft – 2029/2030 und 2040. In der Geschichte muss irgendwann um das Jahr 2015 herum eine Technologie entwickelt/veröffentlicht worden sein, mit der man in Parallelwelten gehen kann, und von denen gibt es scheinbar beliebig viele, die linear aufgereiht sind (es werden mindestens 20 Millionen in die eine Richtung und etwas mehr als 2 Millionen in die andere Richtung besucht). Der zweite Teil – The Long War (Long Earth) hatte unerwarteterweise sehr wenig Geld gekostet; aber dann bemerkte ich, dass es eigentlich keine eigenständige Geschichte ist, sondern die Geschichte fortsetzt und einige lose Enden des ersten Buchs aufgreift.

Zwischenzeitlich 5 unabhängige Handlungsstränge, die Probleme und Chancen dieser Parallelwelten auf unterschiedliche Weise erforschen, werden ganz am Ende recht gekünstelt zusammengeführt, ohne wirklich irgendeine sinnvolle Motivation dafür zu bieten.

Am Ende sind das zwei Bücher, die sich sehr eingehend mit der Prämisse beschäftigen – was passiert, wenn auf einmal unendlich viel Platz zur Verfügung steht? Wie reagieren Staaten darauf? Wie können die anderen Welten aussehen? – aber von der Story her einiges zu wünschen übrig lassen. Schade.

Und weiter

Das bringt mich aber natürlich lange nicht ab davon, weiterhin viel von Pratchett lesen zu wollen; momentan lese ich Dodger, eine Geschichte, die im London des 19. Jahrhundert spielt. Der Titelheld ist ein Waise, der ein Talent dafür hat, in der Kanalisation wertvolle Dinge zu finden, und der am Anfang des Buches eine junge Dame vor Gewalt schützt. Fängt gut an. Und das nächste auf der Liste wäre dann Raising Steam, der neueste Scheibenweltroman, der allerdings erst im November veröffentlicht wird.