Go Set a Perfume

Nach To Kill a Mockingbird ist Go set a Watchman der zweite Roman von Harper Lee, und handelt davon, wie Jean-Louise in den 1960er Jahren, 20 Jahre nach den Vorkommnissen im ersten Roman, wieder mal heim nach Alabama kommt. Eigentlich lebt sie in New York, und sie kann sich nicht mehr so richtig ins Dorfleben einfinden.

Der politische Hintergrund zu der Geschichte ist die Entscheidung des obersten Gerichtshofes, dass eine vorgeschriebene Trennung der Weißen und Schwarzen („separate but equal“) nicht zulässig ist. Der juristische Konflikt dahinter besteht in der unterschiedlichen Gewichtung des 10. und 14. Zusatzartikels zur US-Verfassung und besteht auch heute noch bei Fragen wie der gleichgeschlechtlichen Ehe und LGBTQ-Gleichstellung: Der 10. Zusatzartikel sagt, das alles, was die Verfassung nicht explizit an den Bund delegiert, von den Staaten zu regeln ist – Staaten-Recht bricht Bundesrecht, im Gegensatz zum Deutschen Grundsatz, dass Bundesrecht Landesrecht bricht.

Der 14. Zusatzartikel garantiert allen Menschen gleichen Schutz vor dem Gesetz („equal protection“), und wird von Liberaler und Bürgerrechtsseite von jeher angeführt, um diese Regeln für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung im Bund festzusetzen und in allen Staaten gelten zu lassen. Konservative wollen diese Regelungen tendentiell den Staaten überlassen, was natürlich bedeutet, dass es Staaten gibt, in denen es keine Homo-Ehen gibt, oder eben erzwungene Trennung von Weißen und Schwarzen.

Jean-Louise kommt also aus dem liberalen New York ins immer noch rassistisch geprägte Alabama, in dem die Leute außer sich sind vor Wut, dass „die da oben“ in Washington, D.C., sich in die Selbstbestimmungsrechte des Staates eingemischt haben, und obendrein, wo doch jeder wisse, dass die Neger einfach nicht den Weißen gleich sein können.

Auch Atticus, Jean-Louises Vater, der sich in ihrer Erinnerung nie der Illusion hingegeben hatte, er sei besser als die Schwarzen, der auch in Geschäften darauf bestanden hat, dass die Schwarzen, die vor ihm da waren, auch vor ihm bedient würden, verteidigt auf einmal diesen Rassismus gegenüber Jean-Louise, und hilft auch bei seiner Verbreitung – so erscheint es ihr wenigstens.

Letztlich ist das Buch viel weniger eine Geschichte über Rassismus als über Jean-Louises Abnabelung von Atticus, und darüber, dass wenigstens ein Teil des Südstaaten-Rassismus, der heute noch vorhanden ist, eine Trotzreaktion auf die gefühlte „Bevormundung“ aus Washington ist.

Wie auch To Kill A Mockingbird ist das Buch gut und kurzweilig geschrieben und regt zum Nachdenken an.

Ganz woandershin, nämlich ins Paris des 18. Jahrhunderts, nahm mich „Das Parfüm – die Geschichte eines Mörders“ von Patrick Süskind. Wir folgen dem Leben von Jean-Baptiste Grenouille, der im Sommer im Gestank von Paris geboren wird, selbst keinerlei Eigengeruch besitzt, aber einen extrem ausgeprägten Geruchssinn. Er lässt sich von einem Parfumier unterrichten und hat nur eine Leidenschaft: Gerüche aufzusammeln. Der Geruch einer rothaarigen, gerade postpubertären Frau fasziniert ihn so sehr, dass er sie erdrosselt, um an ihr riechen zu können. Um einen solchen Geruch besser konservieren zu können, startet er eine Odyssee nach Grasse in Südfrankreich, die er für sieben Jahre in der menschen(geruchs)leeren Wildnis unterbricht, bevor er dort, im Mekka der Gerüche, eine Lehre anfängt. Kaum dort angekommen, vernimmt er diesen Geruch wieder, aber nur sehr zart – die betreffende Frau ist erst in zwei Jahren „reif“. Zeit genug, neue Techniken zu lernen und zu verfeinern; nach einem Jahr ist er so weit, an anderen jungen Frauen zu „üben“ – 24 tote Jungfrauen später ist das Dorf in Aufruhr und er zufrieden. Die 25. (mit der allerersten 26.) kommt dann nach zwei Jahren, und dann kann er endlich ein Parfum zusammenmischen, dass ihm unbegrenzte Macht über seine Mitmenschen gibt. Als er diese auskosten kann, bemerkt er aber, dass er Menschen eigentlich hasst, und die ihm zuteilwerdende Liebe ihm daher zuwider ist.

Fantasy an sich mag ich ja. Das Buch hier eher nicht so. Die Hauptfigur ist hin und wieder sympathisch oder wenigstens des Mitfieberns würdig, aber dann kommt nicht nur ein Mord, sondern derer gleich 26, ohne, dass er versucht hätte, anderweitig an den Schlüsselgeruch zu kommen. Dass alle, die mit ihm zu tun haben, meist ohne sein zutun ins Unglück stürzen, hilft der Geschichte nicht. Kaum ist er zum Beispiel bei seinem ersten Lehrmeister weg, stürzt dessen Haus in den Fluss und begräbt alle angehäuften Reichtümer. Die Amme, bei der er aufwächst, verliert alle ihre Ersparnisse Jahrzehnte später in der französischen Revolution, klärt uns der Autor in einem Nebensatz auf. Es geht so weit, dass ich bei jeder neuen Person überlegt habe, was wohl mit der bizarres passieren wird.

Fazit: kann man mal lesen, aber nicht zu viel davon erwarten.

Yossarian

Mit der Geburt von Kevin-Alf am Horizont habe ich in den letzten Monaten von 2016 sehr intensiv daran gearbeitet, meine bezahlte Arbeit in einem guten Zustand an meinen Nachfolger übergeben zu können. Dadurch bin ich kaum mehr dazu gekommen, viel zu lesen.

Dass ich seit Mitte des Jahres jeden Tag die Tageszeitung, die ich auf meinen eBook-Reader bekomme, lesen will, hat dann auch nicht mehr funktioniert. An Weihnachten hatte ich zwei Monate Rückstand. Das Kind im Arm halten ist allerdings eine Tätigkeit, die wenig direkte Aufmerksamkeit erfordert (erst langsam fängt er an, dabei rumzugucken und damit auch die Aufmerksamkeit von Papa – oder Mama – zu fesseln) und wenig andere Sachen erlaubt, also komme ich richtig viel zum Lesen.

Neben dem Rückstand an Zeitungen habe ich das Buch Catch-22 von Joseph Heller gelesen. Die Geschichte des US-Amerikanischen Bombenschützens Yossarian während seiner Stationierung auf der Italienischen Insel Pianosa gegen Ende des (europäischen Teils des) zweiten Weltkrieges ist nicht chronologisch erzählt und es braucht ein wenig, bis man sich in dem Wust der Handlungsstränge wirklich zurecht findet und Rückblenden auch als solche erkennt. Yossarian will keine Kampfmissionen mehr fliegen und will sich daher für verrückt erklären lassen. Das Problem ist der paradoxe Catch-22: Nur zurechnungsfähige Menschen dürfen in Kampfmissionen eingesetzt werden. Wer sich aber aus der berechtigten Angst vor den Missionen als geisteskrank anerkennen lassen will, zeigt damit, dass er absolut zurechnungsfähig ist, denn nur geisteskranke Menschen würden sich einer solchen Gefahr wieder und wieder aussetzen. Sobald man also auf seinen Zustand hinweist, beweist man, dass man noch kampftauglich ist. Und solange sich der Verrückte nicht beschwert, muss man ihn ja auch nicht aus den Kampfhandlungen zurückrufen.

Das Buch ist eine Satire auf das Militär, es zeichnet ein durchaus witziges Bild der Fliegerstaffel, der Yossarian angehört, seiner Vorgesetzten, der Umgebung, der Besatzung und der Kämpfe, aber auch von Gott, Gottesglauben, Militärzensur, Kapitalismus, und nicht zuletzt Prostitution und Moral. Im letzten Drittel wird das Buch immer düsterer und immer weniger lustig; Brutalität ist eben ein inhärenter Bestandteil von Krieg. Gegen Ende war ich zwiegespalten: Würden etwa alle sterben? Aber ein Happy End würde dem Buch nicht passen. Statt dessen gibt es weder ein Happy End noch ein Sad End, sondern ein hoffnungsvolles, Aufbruchs-Ende. Ein befreiendes Ende, was alle meine Erwartungen übertroffen hat.

Das Buch empfehle ich jedem, der gewillt ist, sich erst in ein Buch hineinfinden zu müssen; mir ist es auf jeden Fall hier leichter gefallen als bei Ulysses.

Das Wüten des ganzen Fabers

Auf meiner Liste von zu lesenden Büchern stand es zwar nicht, aber Maarten ’t Harts Buch Das Wüten der ganzen Welt war trotzdem dran. Die komplette Jugend eines Niederländischen Kindes wird aus dessen Perspektive erzählt; wie er vom Dorfpolizisten sexuell genötigt und dieser schließlich im Lagerraum von seinen Eltern erschossen wurde, während der kleine Bub Klavier spielt. Und, wie er schließlich den Mörder in Schal und Hut findet und konfrontiert. Die große Hintergrundgeschichte ist der Überfall der Deutschen im zweiten Weltkrieg, ungefähr zu der Zeit, in der unser Held geboren wurde, und wie die einzelnen Personen damit umgegangen sind.

Es fällt mir schwer, viel mehr darüber zu schreiben, ohne viel vorwegzunehmen. Die Geschichte ist mitreißend, und mit Sicherheit auch ein zweites Mal spannend, wenn mal weiß, wie es ausgeht, weil man die ganzen Hinweise erkennt. (So ging es meiner besseren Hälfte, die das Buch schon kannte, als wir es uns gegenseitig vorlasen.) Erst ganz am Schluss fallen alle Puzzlesteine zusammen, auf eine Art und Weise, die man nicht geahnt hätte.

Grade fertig sind wir mit dem nächsten Vorleseprojekt Homo Faber von Max Frisch. Meine erste Begegnung damit war, als eine Deutschlehrerin in der 11. Klasse meine deterministische, reduktionistische Weltsicht kritisieren wollte und mir ans Herz legte, ich solle doch mal Homo Faber lesen, um zu merken, wie falsch ich liege. Nun, es hat eineinhalb Jahrzehnte gedauert, aber here I am. Walter Faber, der Titelheld, Züricher (wie der Autor), fliegt von New York, wo er wohnt, im Jahr 1957 nach Venezuela, um dort im Auftrag der UNESCO die Installation von Turbinen zu überwachen. Er ist Ingenieur und hat einen sehr klaren Plan vom Leben. Sein Flugzeug landet kurz vor Mexico City in der Wüste not, und in den wenigen Tagen, die er dort verbringt – emotionslos, weil es ist ja nichts dabei – lernt er den Bruder seines ehemals besten Freundes kennen. Hier geraten sein Leben und seine Überzeugungen langsam ins Wanken, er macht Abstecher auf dem Weg nach Venezuela (kein Problem: die Turbinen waren sowieso noch nicht da, aber das erfährt er erst später) und trifft die Liebe seines Lebens.

Lange Zeit noch klammert er sich an die Objektivität; eine Wolke ist eine Wolke und kein Hase; der Sonnenuntergang oder Mondaufgang hat nichts romantisches, sondern ist einfach da. Ein Unglücksfall reißt ihn jedoch aus diesem Trott heraus, und letzten Endes verliert er jeden Halt, und wohl am Ende auch sein Leben (aber das wird nicht wirklich klar).

Was wollte diese Lehrerin (den Namen weiß ich nicht mehr) mir beibringen? Es gibt auch Schönheit im Leben? Reduktionismus kann nicht alles erklären? In der Diskussion damals ging es um die Frage nach dem freien Willen, und das wird in Homo Faber nicht angesprochen. Es ist ein bewegendes Buch, das man aber auch als Aufruf verstehen kann, nicht nur die Arbeit zu sehen. Beziehungen nicht aufzugeben. Empathie zu haben. Vielleicht hatte ich damals zu wenig Empathie, das ist von heute aus schwer zu beurteilen. Aber, was soll’s: Beide diese Bücher habe ich sehr gerne gelesen.

Sinn und die Schatzinsel

Momentan komme ich nicht unglaublich viel zum Lesen, aber das hängt auch (leider) mit meinem aktuellen Buch zusammen. Zunächst mal hat mich Shades Of Grey noch recht lange mental beschäftigt, einfach, weil ich die dort beschriebene Welt so faszinierend finde.

Als nächstes nahm ich mir Treasure Island von Robert Louis Stevenson vor; das der Welt den Piraten Long John Silver beschert hat. Die Geschichte handelt von einem Jungen, in dessen Vaters Gasthaus ein Seemann lange Zeit lebt und nach seinem Tod eine Schatzkarte hinterlässt. Der Junge startet mit einem benachbarten Gutsherren und einem Arzt die Suche nach diesem Schatz, sie heuern aber – für den Leser recht schnell erkennbar – die alte Piratencrew des Seemanns an. Auf der Insel angekommen, gibt es eine Meuterei, Schießereien, einen Einsiedler und ein Happy End.

Das Buch ist eine Kindergeschichte, und ein wenig kindliche Naivität besitzen die Hauptpersonen auch, außer natürlich die Hauptperson, die durch ihre Unbedarftheit und Mut am Ende (und in der Mitte) alle „Guten“ rettet. Immerhin werden die Charaktere nicht alle schwarz/weiß als gut oder böse gezeichnet; Long John ist zwar durchaus kein Guter, aber auch nicht ein absolut Böser. Nette Geschichte.

Sense and Sensibility von Jane Austen fängt in gewisser Hinsicht genau so an wie Pride and Prejudice von der gleichen Autorin: Im ersten Kapitel die Exposition der Ausgangssituation, im zweiten Kapitel die Unterhaltung zweier Personen, in dem eine Person die Meinung der anderen Person ins Gegenteil verkehrt. Auch ansonsten gibt es viele Ähnlichkeiten: Es geht um Mädchen im heiratsfähigen Alter, die einige Hürden überwinden müssen, bis sie ihr Glück finden.

Das Buch war an sich ganz nett, aber wie auch bei Charles Dickens ist die immergleiche Geschichte in anderen Umständen nicht so aufregend.

Nun hänge ich momentan an James Joyce’s Ulysses. Manche Bücher brauchen für mich ein bisschen, bis es „klick“ macht und ich sie gut lesen kann; das ist bisher noch nicht geschehen.

Der Name der stürmischen Singvögel

To Kill A Mockingbird war mal wieder so ein Buch, dessen Titel ich kannte und sonst nichts. Die Geschichte ist schnell erzählt, aber nicht einfach verarbeitet: Eine erwachsene Frau erzählt, wie sie als 8-Jährige Tochter eines Rechtsanwaltes in den Südstaaten der USA in den 1930er Jahren Rassismus erlebt. Der Vater ist der Pflichtverteidiger eines schwarzen Mannes, der beschuldigt wird, eine weiße Frau vergewaltigt zu haben. Der Leser des Buches wird am Ende wenig Zweifel an dessen Unschuld haben, trotzdem wird der Mann verurteilt. Der Vater wird Ziel von immensen Anfeindungen, und seine Kinder ebenfalls.

So wie ich das Portrait von Jane Eyre in Brontë’s gleichnamigem Roman fantastisch fand, so geht mir auch das Portrait von Atticus, dem Vater, sehr nahe; er ist ein extrem besonnener, freundlicher, gutherziger alleinerziehender Vater. (So gar nicht so wie ich, irgendwie.) Der Rest der Gesellschaft ist zu zu großen Teilen weniger sympathisch.

Mittlerweile ist der Autor gestorben, als ich Der Name der Rose gelesen habe, war Umberto Eco aber noch am Leben. Ich kannte den Film (und es war daher für mich schwer, mir die Hauptperson vorzustellen, ohne Sean Connery vor meinem geistigen Auge zu sehen), aber es hat mich erstaunt, wie viel detaillierter das Buch ist und wie viel Religionskritik darinsteckt. Zur Geschichte, wer sie noch nicht kennt: Mönch und Novize kommen in 1327 in ein Kloster, um Verhandlungen mit anderen Mönchen zu halten, während es immer mehr Todesfälle gibt.

Wuthering HeightsSturmhöhe ist noch so ein Buch, dessen Namen ich kannte, immerhin wusste ich außerdem, dass Kate Bush ein gleichnamiges Lied geschrieben hat, das vom Lesen dieses Romans beeinflusst wurde. Wie bei Frankenstein’s Monster gibt es eine Rahmenhandlung, die nur als Gefährt dient, um die eigentliche Geschichte zu erzählen. Diese ist die Geschichte eines Anwesens – Wuthering Heights – und dessen Herren, seine beiden Kinder und das Waisenkind Heathcliff, dass er in die Familie bringt. Eifersucht und schlechte Erziehung sorgen für eine drei Generationen währende Qual, und die Hauptpersonen sind wenig sympathisch. Ich fand es schwierig, das Buch zu lesen, aber mitten drin aufzuhören war das Buch dann doch zu interessant. Fazit: Ambivalent. Lieber nicht anfangen, dann muss man auch nicht weitermachen.

Krieg und Frieden

Tolstoj’s episches Werk zu lesen hat mich mal wieder ziemlich viel Zeit gekostet; freilich nicht so viel, wie es gedauert hat, mal wieder ein ordentliches Blog zum Laufen zu bringen. Nun ist beides geschafft, ich habe sozusagen Frieden mit meinem Server geschlossen. Der Einstieg in das Buch fiel mir schwer; die zuerst beschriebene Abendgesellschaft im Sankt Petersburg des Jahres 1805 hat einfach viel zu viele Namen, als dass ich gut hätte durchblicken können.

Langsam kristallisieren sich allerdings die Hauptpersonen heraus, und auch wenn diese mir teilweise richtig unsympathisch waren, wird die Geschichte doch spannend. Die zweite Hälfte befasst sich mit Napoleons Russlandfeldzug im Jahr 1812 und macht sich gar keine Illusionen, dass irgendwer nicht wissen könnte, dass Napoleon geschlagen wurde. Vielmehr geht er – auch schon in der Beschreibung der Schlacht von Austerlitz 1805 – im Detail darauf ein, wie Krieg (seiner Meinung nach) funktioniert, und inwiefern Generäle und deren Pläne eigentlich keinen Einfluss auf die tatsächlichen Kampfhandlungen haben.

Fazit: Eine alles in allem zu lange, aber interessante Tour durch die Kriege Russlands gegen Napoleon, mit Alleswissern, Ja-Sagern, Ehebrechern, Verschwendern, Schleimer, Todesfällen und, ja, auch einem halbwegs Happy-End.

Verrückte Reisen um die Welt

Original-Post

Nun ist die Bibel endlich fertig gelesen und zu „sonstige Fantasy“ einsortiert worden, und ich konnte endlich mal was anderes lesen. Als erstes ein Buch, dass ich mir ziemlich zeitgleich mit der Bibel auf den Reader geladen habe, aber nicht gleichzeitig lesen konnte:

Gulliver’s Reisen

Ja, kennt man irgendwie, oder? Lilliputaner und Riesen. Was ich nicht kannte, und auch nicht erwartet hatte, war die starke Gesellschaftskritik. Die Story besteht aus vier Reisen: Gulliver ist schiffbrüchig und landet auf einer von zwei nahe beieinanderliegenden Inseln, die von kleinen Leuten bewohnt werden, die etwa ein zwölftel seiner Höhe haben. Er wird erst gefesselt, erkämpft sich das Vertrauen des Königs und hilft bei dessen Krieg mit dem König der anderen Insel. Er fällt in Ungnade, flieht auf die andere Insel, von dort haut er Richtung England ab.

Er reist wieder, strandet wieder an einem unbekannten Strand, und stellt fest, dass hier Riesen leben. Diese sind 12 mal so groß wie er. Auch hier kommt er bald zu der Königsfamilie; wird aber bei einem Ausflug in seinem portablen Zimmer von einem Vogel mitgenommen und ins Meer fallen gelassen, wo er von Seefahrern gefunden wird.

Abermals reist er, diesmal als Kapitän; seine Crew meutert und setzt ihn aus. Er landet bei einem Volk, dass auf einer durch magnetische Levitation schwebenden Insel lebt und das Geometrie und Effizienz liebt. Die Insel ist eine mächtige Waffe – man kann Städte, die keinen Tribut zahlen wollen, einfach zerquetschen – aber eine, die man nicht anwenden will, denn niemand weiß, wieviel Schaden die Insel selbst näme. Gulliver reist hier „legal“ aus und gibt sich als Holländer aus, um über Japan nach Europa zurückzukommen (Engländer dürfen nicht nach Japan). Zwischendurch kommt er bei Zauberern vorbei, die jede beliebige Person aus der Weltgeschichte für einen Tag (oder so) heraufbeschwören können.

Zu guter letzt kommt Gulliver in ein Land, in dem Pferde intelligent sind und reden können und die Menschen dumme Kreaturen, die von allen anderen Tiere gemieden werden. Der sprechende Gulliver freundet sich mit den Pferden an, aber als klar wird, dass er eigentlich einer der Menschen ist, muss er zuletzt fliehen und kommt wieder nach England, diesmal für immer.

Auf seinen Reisen macht Gulliver eine Wandlung durch, vom ehernen Verfechter und Verteidiger der Europäer und vor allem der Britten, zu jemandem, der alle Menschen hasst und sich nur mühsam in die Gesellschaft wiedereingliederen kann. An jeder Station kommt er an sehr merkwürdigen Regeln vorbei, denen er die Britischen Regeln entgegenhält, nicht immer zum Vorteil der Europäer: Die kleinen Menschen haben einen religiösen Krieg darüber, auf welcher Seite man das Ei aufschlagen muss. Sie berufen sich auf den gleichen heiligen Text, der sagt, man solle das Ei auf der „praktischen“ Seite aufschlagen. Die einen sagen nun, das sei die Seite, auf der es am leichtesten geht, die anderen sagen, es sei die Seite, bei der man nicht wegen des vor drei Generationen erlassenen Gesetzes getötet wird. Jonathan Swift lässt seine Hauptperson in Begeisterung von vielen gesellschaftlichen Schieflagen in England berichten und überlässt dessen Gesprächspartner, zu erklären, warum das dargestellte nicht gut, und schon gar nicht das bestmögliche System ist, sondern eigentlich ein sehr korruptes und korrumpierbares System. Gulliver versteht natürlich überhaupt nicht die Argumente und gibt sie nur wieder, ohne sie sich zu eigen zu machen – das überlässt Swift dann dem Leser.

In der letzten Episode, bei den Pferden, lässt er aber diese Hülle fallen und kritisiert unumwunden die Menschen, die er den noblen Pferden gegenüberstellt und für in allen Belangen minderwertig hält. Letztlich entsteht seine Vertreibung aus dem Land der Pferde allerdings aus vollkommen rationalen Argumenten, nobel gegeneinander abgewägt und vollkommen ignorierend, dass sie auf Gulliver eigentlich nicht zutreffen. Komplett positiv bleibt diese Gesellschaft dann eben auch nicht.

Guns, Germs and Steel

Der deutsche Titel „Arm und reich“ tut diesem Sachbuch von Jared Diamond nur sehr bedingt recht; letztlich geht es nicht so sehr darum, warum ein Teil der Welt reich und ein anderer arm ist, sondern vielmehr darum, wieso die Europäer es geschafft haben, Nordamerika, Südamerika, Australien und Südafrika zu überrennen und warum sie es mit China und Afrika nicht oder nur bedingt geschafft haben.

Die direkten Gründe sind schnell aufgezählt: Die Europäer hatten Stahl für Rüstungen und Waffen, Schrift, die den Kriegern das taktische Wissen von 1500 Jahre alten (und älteren) anderen Kriegern verlässlich übermitteln konnte, und Krankheiten, denen wesentlich mehr Eingeborene in Süd- und Nordamerika und Australien zum Opfer fielen als den kriegerischen Handlungen der Europäischen Armeen. Oh, und Europa hatte eben die Schiffe, mit denen die Ozeane überquert werden konnten und die Pferde, mit denen die Kriegsführung noch viel überlegener wurde.

Doch Diamond versucht, zu begründen, warum es grade die Europäer waren, die diese Vorteile entwickelt hatten, und nicht die Azteken, Mayas oder Bantu. Diamond benötigt dafür keinerlei Biologistische Erklärung, er sucht also den Unterschied zwischen den Völkern nicht in genetischen Unterschieden, für die es weder empirische Beweise noch andere Argumente gäbe, und sucht vielmehr geografische Gegebenheiten, die es den Europäern ermöglicht haben, all diese Dinge zu entwickeln und den Rest der Welt hinter sich zu lassen (beziehungsweise unter sich aufzuteilen).

Ein starkes Argument dafür, dass die Geographie eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Menschengruppen spielt, nimmt er aus Polynesien, wo die Besiedlung von Inseln und Inselgruppen (vor dem Auftreten der Europäer) viel schneller zu einer Diversifizierung der Lebensumstände geführt haben, als genetische Veränderungen auftauchen können: Auf den Inseln, die es möglich machen, wurde Argrarwirtschaft ausgeführt, es haben sich straffe Bürokratien, Staaten und schließlich auch (Proto-)Imperien entwickelt, während an anderen Stellen die ursprünglichen Bauern wieder zu Jägern und Sammlern wurden.

Der große Vorteil der Europäer war zunächst, dass sie so nahe am Nahen Osten wohnen, denn die meisten unserer Errungenschaften stammen von dort: Metallurgie, Schrift, Staatswesen. Der Nahe Osten hat den Vorteil, dass hier Gräser vorkommen, die mit sehr kleinen genetischen Veränderungen domestiziert wurden, und so heute die Kohlenhydrat-Grundlage für praktisch alle Gesellschaften außerhalb der Tropen bilden: Weizen und Gerste. Zusätzlich gab es in Eurasien recht viele große domestizierbare Säugetiere – und es müssen viele gute Faktoren zusammenkommen, damit Tiere gezähmt und gezüchtet werden können. Pech für die Amerikas und Australien war, dass der (biologisch) moderne Mensch dort erst ankam, als er schon gute und effiziente Jagdtechniken entwickelt hatte, und die lokale Fauna leicht ausrotten konnte. In Afrika und Eurasien hat es eine Ko-Evolution gegeben, sodass genügend Tiere übrig blieben, aus denen die passendsten ausgewählt werden konnten, als die Menschheit so weit war, eine Verwendung für Nutztiere zu haben.

Ein letzter Punkt ist die Ausrichtung der Kontinente. Die orientalischen Errungenschaften konnten sich leicht in Ost-West-Richtung ausbreiten, denn das Klima verändert sich nicht genug, um eine Nutzpflanze oder ein Nutztier nicht mitnehmen zu können. Pferde konnten nie in der Sahel-Zone oder südlich davon etabliert werden, und genausowenig Kühe und Schweine. Erfindungen an einer Stelle in Eurasien konnten sich aber letztendlich immer in ganz Eurasien ausbreiten, und so kamen Hühner aus Asien nach Westen und Kühe aus Indien nach Osten, die Schrift breitete sich wahrscheinlich vom Nahen Osten aus und Pferde breiteten sich von der Ukraine über den ganzen Kontinent aus. Die gleiche Ausbreitung ist in den Amerikas unmöglich: Pflanzen, die in Mexiko angebaut wurden, konnten erst viel später den Sprung über die Wüsten Nordamerikas in die fruchtbaren Ebenen des Mississippis und nie den Sprung nach Süden schaffen, denn auf dem Weg konnte man sie nicht gebrauchen. Ähnliche Barrieren verhinderten auch, dass es Weizen nach Südafrika oder Australien geschafft hätte (wo es heute angebaut wird) – erst die moderne europäische Schifffahrt hat diese Sprünge möglich gemacht.

Nicht zu unterschlagen dabei ist, dass Mais, das Uramerikanische Getreide, wesentlich weiter von seinen wilden Vorfahren weg ist und es daher wesentlich länger gedauert hat, bis Mais domestiziert war – man muss bedenken, dass sich nie ein Jäger oder Sammler hingesetzt hat und überlegt hat, dass er jetzt mal das Jagen sein lässt und statt dessen versucht, für seine Nachkommen dieses Gras zu einer nutzbaren Pflanze zu machen.

Unterm Strich ist Guns, Germs and Steel ein nicht brilliant geschriebenes, aber sehr gut und schlüssig argumentierendes Buch, dass den Ist-Zustand der Welt betrachtet, analysiert und Gründe sucht und findet. Dabei macht Diamond nie den Eindruck, dass er den Ist-Zustand rechtfertigen will; im Gegenteil sagt er sehr explizit, dass es keine Grundlage für die Diskriminierung von Aboriginees, Native Americans und Afrikanern gibt. Diese haben einfach nicht das Glück, Nachfahren von Menschen zu sein, die in ihrer Nähe ein solch (ideen-)fruchtbares Gebiet wie den Nahen Osten zu haben, aber das sagt nichts über die heutigen Menschen aus.

Stolz und Vorurteil

Noch so ein Klassiker aus dem 19. Jahrhundert, von einer Frau über Frauen geschrieben. Hauptperson ist eine junge Frau mit eigenem Kopf, die mit ihrer älteren Schwester und ihrem Vater ein Gegengewicht zu ihrer albernen Mutter und den drei kleineren Schwestern bildet. Achtung, Spoiler: Am Ende heiraten drei Töchter; die beiden älteren kriegen ihre reichen Traumprinzen, wobei sich der Stolz des einen im Laufe des Buches wandelt; Stolz ist auch seine Familie, und die Vorurteile auf beiden Seiten spielen eine große Rolle, die sich aber letztlich als der Liebe nicht hinderlich erweisen.

Aktuell ist auf meinem Reader Krieg und Frieden von Tolstoj geladen, aber das zu lesen habe ich noch nicht angefangen.

Träumender Mars und das Epos

Original-Post

Die Traumpfade sind mittlerweile ausgelesen; ein Großteil der zweiten Hälfte besteht aus zusammengeworfenen alten Tagebucheinträgen, die alle zeigen sollen, wie sehr die Menschen doch eigentlich Nomaden sind. Erzählt „während“ dem Warten auf Freunde (in der Mantelgeschichte) ist das doch stellenweise leider sehr anstrengend. Trotzdem gutes Buch!

Der Lange Mars

Dann gab’s da den langen Mars, eine Fortsetzung der Langen Erde die ich mir, trotzdem ich von den ersten beiden Büchern der Reihe nicht restlos begeistert war, dennoch durchgelesen habe. Wie der Name vermuten lässt, setzt sich die Parallelwelten-Geschichte hier auf dem Mars fort, allerdings sind die Parallelwelten des Mars in anderen Dimensionen als die der Erde. Wo der „Sprung“ ist, wird mir nicht klar, und — ja, ich weiß ja, es ist Fantasy — das hat meinen Lesefluss schon etwas gestört. Dafür geht die Geschichte etwas sinnvoller weiter als in den ersten beiden Büchern, würde also einen vierten Band wohl auch wieder lesen.

Jane Eyre

Charlotte Brontë schrieb in den 1840er Jahren diesen Roman über eine eigenwillige und -ständige Frau, die sich nicht gefallen lässt, wenn sie unfair behandelt wird. Am Ende (Achtung, Spoiler!) heiratet sie jedoch den ersten Mann, den sie kennenlernt (sie lässt sich aber vorher noch etwas bitten). Das gibt dem Buch aus meiner Sicht einen etwas faden Beigeschmack, und das Happy End erinnerte mich etwas an Dickens. Trotzdem eine beeindruckende Schilderung einer beeindruckenden Frau.

Religion, Monster und die Anstalt

Original-Post

Vor lauter lesen komme ich kaum dazu, zu schreiben, schon gar nicht darüber, was ich gelesen habe. Dabei ist das schon wieder eine Menge. Soviel, dass ich sogar in meine Amazon-Liste gucken muss, was es eigentlich alles war. Dort finde ich:

Pratchett

Dodger ist ähnlich gut weitergegangen, wie ich schon vorhergesehen hatte; es geht sogar noch wesentlich besser weiter. Danach gab es The Science of Discworld IV: Judgement Day, in dem es sehr stark um Kreationismus geht — eine fundamentalistische Omnische Sekte steht hier Pate für die fundamentalen Christen, die der Meinung sind, die Welt wäre intelligent aufgebaut. Selbst die Aussage ihres Gottes, dass die Welt eine Scheibe ist, kann sie nicht überzeugen, dass die Welt keine Kugel sei. Schöner Satz: „der Theologie [der Rundwelt] sind 2851 Götter bekannt. Sie glauben an 2850 Götter nicht, ich glaube nur einen mehr nicht. Das ist kein großer Unterschied.“ Pratchett, Stewart und Cohen sprechen mir sehr aus der Seele.

Danach ging es wieder „richtig“ auf die Scheibenwelt, Raising Steam führt Dampfloks auf der Scheibenwelt ein, aber ganz ohne Magie funktioniert es eben doch am Ende nicht. Auch hier wird ein alter Konflikt – Krieg zwischen Zwergen und Trollen – wieder aufgeflammt, durch radikale Gruppen bei den Zwergen. Die Feindseligkeiten wurden eigentlich in Thud überwunden, aber mal wieder erinnert Pratchett daran, dass ein in-den-Sonnenuntergang-reiten am Ende einfach selten das Ende ist. Irgendwann ist der Cowboy im nächsten Dorf.

Das Monster

Die Rahmenhandlung alleine ist interessant: Ein Engländer beschließt, dass es in der Polarregion im Sommer richtig warm sein muss, weil ja die Sonne immer scheint. Also bricht er zu einer Expedition von St. Petersburg zum Nordpol auf. Dort trifft er auf einen ausgemergelten Mann, der ihm die eigentliche Geschichte erzählt. Er ist auf der Jagd nach dem Feind, eine Kreatur, die er, Frankenstein, in Ingolstadt erschaffen hat, nachdem er das Geheimnis des Lebens entdeckt hatte.

Er hasst diese Kreatur von dem Moment, an dem er ihr Leben einhaucht, aber mir wurde nie klar, wieso. Die Kreatur flüchtet vor ihm, orientierungslos, versucht Kontakt zu Menschen aufzunehmen, wird aber immer nur verstoßen. Er bringt sich selbst bei, zu lesen, zu reden, und tötet – mit Absicht oder ohne, ist nicht klar – ein Kind. Er konfrontiert seinen Schöpfer, und fleht ihn an, ihm eine Begleiterin zu schaffen, auf dass er nicht mehr einsam sei. Aus Angst lehnt Frankenstein letztlich ab, das Monster rächt sich an seinem ungnädigen Schöpfer, Frankenstein verfolgt ihn, doch kommt schneller an seine Grenzen. Am Ende, auf dem Schiff des Engländers, in dem Frankenstein all dies erzählt, stirbt Frankenstein (nicht durch die Hände des „Monsters“), seine Kreatur kommt, betrachtet ihn. Dem Kapitän sagt er, dass er sich selbst am Nordpol verbrennen würde.

Ich dachte immer, Frankenstein sei eine Horrorgeschichte über ein böses Monster und einen verrückten Wissenschaftler. Ist es aber nicht. Es ist eine Geschichte darüber, wie die Gesellschaft auf Außenseiter reagiert und wie diese Außenseiter zu Einsamkeit getrieben werden können.

Eine nach Ost, eine nach West…

… und eine(r) flog übers Kuckucksnest. Keine Science-Fiction, keine Fantasy: Ein unglaublich beklemmender Einblick in eine Irrenanstalt in Oregon, USA in den 1950er Jahren. Mit, in gewisser Weise, Happy End. Bildungslücke geschlossen mit einer sehr guten Geschichte.

Englischsprachig

Original-Post

Ich wandte mich nach Goethe, Melville und Huxley dann alten amerikanischen und englischen Autoren zu, und zwar gemischt Charles Dickens, Oscar Wilde und Mark Twain. Ich habe dazu bei gutenberg.org nach den Autoren gesucht und relativ wahllos eBooks runtergeladen, ohne darauf zu gucken, was das für Bücher sind. In welcher Reihenfolge ich die Bücher gelesen habe, weiß ich nicht mehr, also fange ich mal mit Oscar Wilde an.

Oscar Wilde

Von Oscar Wilde kannte ich schon einiges – The Picture of Dorian Gray hatte ich direkt nach 1984 für den Englisch-Grundkurs in der Oberstufe gelesen, und andere Bücher hatte ich nebenbei mal gelesen. In der Tat sprühen die fiktionalen Bücher vor Witz, und so hat mit „An Ideal Husband“, „The Canterville Ghost“, „The Happy Prince“, „The Nightinggale and the Rose“, „The Selfish Giant“, „The Devoted Friend“ und „The Remarkable Rocket“ viel Spaß gemacht, ohne dass viel dabei hängen geblieben wäre. Gleiches kann ich aber nicht von „The Soul of Man under Socialism“ sagen.

Dieses Werk ist ein Aufsatz über eine Gesellschaft, in der niemand mehr arbeiten muss, weil alles von Maschinen erledigt wird. Jeder Mensch könne sich dadurch voll und ganz seiner Kunst widmen – wobei Kunst für Wilde da aufhört, wo man irgend etwas macht, um damit anderen zu gefallen. Hier fängt für ihn Unterhaltung an. Ich fand diesen Gedanken sehr schön und lesenswert.

Als letztes hatte ich mir „Intentions“ aufgehoben. Das besteht aus einem kurzen Dialog, der eigentlich auch aus einem langen Essay über Natur, Kunst und ihr Zusammenspiel aufgebaut ist, und dann tatsächliche Aufsätze. Die ich aber nicht mehr gelesen habe, weil ich es etwas ermüdend fand.

Charles Dickens

Von Dickens kannte ich viele Titel und wenig Inhalt. Eigentlich nur die Weihnachtsgeschichte, „A Christmas Carol“, in dem der böse, erzkapitalistische Scrooge von den drei Geistern der vergangenen, der aktuellen und der zukünftigen Weihnachtsfeiern das Herz ein wenig aufgeweicht wird. Ansonsten kannte ich die Namen „Oliver Twist“ und „David Copperfield“. „Great Expectations“ – also ‚Große Erwartungen‘ – bin ich komplett ohne Erwartungen entgegengetreten, aber am Ende war es eh wieder die gleiche Geschichte wie die beiden anderen: Kleiner, armer Junge schlägt sich durch sein Leben und irgendwer will ihm auch mal was Böses.

Lediglich „A Tale of Two Cities“ bricht daraus ein klein wenig aus, erzählt sie doch die Geschichte von Erwachsenen, die zwischen London und Paris hin- und herpendeln und dabei in die Wirren der französischen Revolution geraten. Lerneffekt dabei: Dickens scheint die Revolutionäre aus tiefstem Herzen zu hassen.

Mark Twain

Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn habe ich schon in der Grundschule gelesen, und in der fünften Klasse war ich in der Theater-AG und habe den Drunkenbold Muff Potter gespielt. Aber wirklich erinnern konnte ich mich nicht, also höchste Zeit zum wiederlesen. Beide Bücher habe ich sehr gerne gelesen, und bei Huckleberry Finn Bauklötze gestaunt: Twains Buch gilt laut Wikipedia trotz der Benutzung der Wörter „Nigger“ und „Negro“ als recht emanzipiert, und dann gibt es gegen Ende einen Dialog, in der ein Junge die Ausrede für seine Verspätung erfindet, an seinem Schiff sei der Kessel explodiert. Ein Neger sei dabei gestorben. „So ein Glück“, antwortet die Erwachsene, der das erzählt wurde, „ist da keine Person zu Schaden gekommen, das ist ja ganz schnell mal passiert.“

Dann gab’s da noch „The Innocents Abroad“, in dem Twain von seiner Kreuzfahrt von New York durch das Mittelmeer ins geheiligte Land und zurück erzählt. Von Wikipedia weiß ich mittlerweile, dass es als der meistverkaufte Reiseführer aller Zeiten gilt, und es ist auch wirklich gut geschrieben. Leider ist mir der Schwerpunkt auf Israel und die dortigen Erlebnisse etwas zu groß, aber ansonsten gibt es einen schönen Blick auf das Europa Mitte des 19. Jahrhunderts.

Viele Déjà-vus hatte ich beim Lesen von „A Conneticut Yankee in King Arthur’s Court“, das von einem Menschen erzählt, der durch Magie in das Jahr 620 nach England versetzt wird, zufällig weiß, das am nächsten Tag eine Sonnenfinsternis stattfinden soll und so einen hohen Stellenwert bei König Arthur bekommt, als Magier. Blöderweise konspiriert Merlin mit der Kirche, um ihn zu stürzen, und er fällt unter Merlins Zauber, schläft dreizehnhundert Jahre und wacht wieder auf, um seine Aufzeichnungen, die er gemacht hatte, an den Autoren weiterzugeben, bevor er stirbt. Auch das: ein gutes Buch.

The Prince and the Pauper ist ein Buch, von dem ich wegen des allgemeinen Settings – kleiner armer Junge in England – erst dachte, es sei von Dickens, aber nein: Die Geschichte von dem ungewollten Tausch zwischen Prinz Edward und dem Bettler Tom Canty ist von Twain geschrieben und daher auch wesentlich leichter und lustiger.

Noch nicht ganz fertig bin ich mit Life on the Mississippi, einem Sachbuch, bei dem Twain aber auch viel von seiner persönlichen Erfahrung als Steuermann auf dem großen Amerikanischen Fluss erzählt.

Damit habe ich unter anderem so lange gebraucht, weil ich zwischendurch auch noch Dinge von Papier gelesen habe.