Wahlkampf für alle

Es ist Wahlkampf. Die Parteien haben ihre Wahlprogramme verabschiedet oder wenigstens den Entwurf der Parteispitze dazu veröffentlicht, und jetzt beginnt die öffentliche Diskussion über die Inhalte und deren Für und Wider.

Harr harr harr. Natürlich beginnt vor allem das gegenseitige bewusste Falschverstehen, das Skandalisieren, das bewusst Dinge Unrichtig-aber-nicht-komplett-gelogen-Darstellen. Von allen Seiten. Ein Beispiel dafür ist die Ehe für alle, die nun eigentlich gar kein Wahlkampfthema mehr sein sollte. Nachdem die Grünen festgelegt hatten, es werde keine Koalition mit ihnen, aber ohne die Ehe für alle geben, und nachdem die Linken, die FDP und schließlich auch die SPD sich dieser Forderung angeschlossen hatten, war klar, dass es im Herbst keine Koalition werde geben können, die keine Ehe für alle beinhaltet. Die Union wollte geschickt am Ende der Legislaturperiode das Thema aus dem Weg räumen und von einer Gewissensentscheidung (des nächsten Bundestages) reden, sodass die Oberen ihr Gesicht wahren können und nicht wirklich zustimmen, aber dem Gesetz – und einer Koalition – nicht im Wege stehen. Aus einem dummen Zufall wurde Kanzlerin Merkel dann aber, etwa eine Woche vor der letzten Sitzung im Bundestag, genau danach gefragt. So zu tun, als hätte sie noch die gleiche Meinung wie vorher, „mit mir nicht,“ hätte einen Meinungsumschwung eine Woche später sehr unglaubwürdig dastehen lassen. Stattdessen stammelt sie etwas zusammen, denkt wahrscheinlich im Stillen, dass der Fahrplan für die letzte Sitzungswoche eh steht und alles in Ordnung ist.

Nun, der Rest ist Geschichte: die SPD fragt sich, warum eine Gewissensentscheidung erst nach der Wahl dazu werden sollte und setzt den Antrag des Bundesrates, den sie schon drei Jahre lang vertagt hat, doch noch auf die Tagesordnung. Die Union beschwert sich, dass ein Gesetzesentwurf, der, wie gesagt, seit drei Jahren vorliegt, und zu dem das Bundesverfassungsgericht vor ein paar Wochen noch geurteilt hat, dass darüber nicht abgestimmt werden müsse, weil er doch so ausführlich diskutiert wurde und das doch auch reiche, so ein Gesetzesentwurf also sei zu neu und überraschend, um sich innerhalb von einer Woche eine persönliche Meinung bilden zu können. Nun, der Entwurf wird am letzten Sitzungstag abgestimmt und die Ehe für Alle gilt als beschlossene Sache.

Und die SPD feiert sich dafür, dass… äh… also… dass sie drei Jahre den Arsch nicht in der Hose hatte, die Gesetzesentwürfe abzulehnen, sondern vorhatte, sie einfach unbehandelt dastehen zu lassen, sodass sie das Gesetz zwar verhindert, aber nicht technisch gesehen abgelehnt hatten. Es gab kein Kalkül der SPD, keine Aussicht auf Verabschiedung in dieser Legislaturperiode; die Koalition sollte nicht gefährdet werden. Aus reinem Glück also konnte nun eine zufällige Frage an die Kanzlerin dazu führen, dass ein noch nicht behandelter Gesetzesentwurf verabschiedet werden konnte.

Dafür kann man sich nicht feiern lassen, SPD. Ihr hattet Glück.

Die Geschichte ist damit aber nicht zu Ende: Der verabschiedete Gesetzesentwurf war eine Initiative aus dem Bundesrat, und daher hat dieser die Möglichkeit, auch noch was dazu zu sagen. Und hier fliegen nun die Fetzen zwischen den Parteien: Die Grünen werfen Christian Lindner, dem Frontmann der FDP in Bund und in NRW vor, dass seine neue Koalition mit der CDU in NRW nicht den Ansprüchen genügt, die er (nach deren Aushandlung) für eine Koalition auf Bundesebene angekündigt hat: NRW würde sich bei der Ehe für Alle im Bundesrat enthalten. Der Verweis auf die Jamaica-Koalition in Schleswig-Holstein ist natürlich dabei; dort ist die gleiche Konstellation wie in NRW, nur plus Grüne und plus Ehe für Alle-Zustimmung. Grün wirkt! Oder?

Gleichzeitig ätzt nämlich die hessische SPD gegen die hessischen Grünen, dass die Hessische Landesregierung dem Gesetz im Bundesrat auch nicht „zugestimmt“ habe. Einziger Haken: Der Bundesrat darf Einspruch erheben und den Vermittlungsausschuss anrufen, muss aber nicht zustimmen. Weder „ja“, „nein“ noch „Enthaltung“ sind möglich: Klappe halten bedeutet in dem Fall Zustimmung.

Der Weg, jedenfalls, ist nun frei, damit der Bundespräsident unterschreiben kann und das Gesetz zum 1. Oktober in Kraft treten kann. Ich freue mich darauf. Und sobald es einmal Gesetz ist, wird es sehr schwer, das wieder zurückzudrehen, vor allem, weil das einzige halbwegs sinnvolle Argument gegen die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partner*innen eigentlich auch Frauen nach der Menopause von der Schließung (einer neuen) Ehe ausschließen müsste: dass eine Ehe nämlich nur dann schützenswert sei, wenn auf biologischem Wege daraus Kinder entstehen könnten. Nun, mal sehen, wie lange sich dieses Zombie-Nichtargument noch halten wird.

Die Tribute des Hungers

Katniss Everdeen heißt die Heldin der Trilogie „The Hunger Games“ (auf Deutsch: „Die Tribute von Panem“), und da aus ihrer Perspektive berichtet wird, sollte es kein allzugroßer Spoiler sein, dass sie bis zum Ende des dritten Buches überlebt.

Katniss lebt in einer Sklavenkolonie in den Appalachen, kontrolliert von der Hauptstadt Panem in den Rocky Mountains. Panem kontrolliert außer Katniss’ noch elf andere Bezirke; in jedem wird etwas anderes wichtiges hergestellt (Katniss’ Bezirk ist dem Kohleabbau gewidmet). Jedes Jahr werden die Tribute, zwei Jugendliche aus jedem Bezirk, gelost, ein Mädchen und ein Junge, die dann in den Hunger Games aufeinandertreffen und sich gegenseitig töten müssen. Dem letzten Überlebenden winken Ruhm und Ehre, ein Leben zwar in Reichtum, aber immer noch in der Kolonie. Panem selbst ist eine dekadente Stadt, in der Überfluss herrscht und in der das Schicksal der Kolonien nicht wahrgenommen wird. Die Rechtfertigung für die Hunger Games ist die Revolution vor 74 Jahren, bei der Panem über die Kolonien gesiegt hat und sie seither (wieder?) unterjocht. Aus der Zeit davor ist praktisch nichts bekannt, nur, dass es früher dort die Vereinigten Staaten von Amerika gab und dass die gesamte Bevölkerung der Welt durch ein nicht bekanntes Ereignis stark dezimiert wurde. Die Bewohner Panems und der Kolonien halten sich für die letzten Überlebenden.

Katniss beginnt die Geschichte als selbstbewusste junge Frau, die der Umzäunung entfliehen und jagen kann. Das erbeutete Fleisch verkauft sie auf dem Schwarzmarkt, um ihre Familie, ihre Mutter und ihre kleine Schwester Prim, zu ernähren. Ausgelost wird nicht sie, sondern eben ihre Schwester, und Katniss nimmt freiwillig ihren Platz ein. In der Arena tötet sie, aber fast nur in Notwehr, nie kalkulierend, und gewinnt schließlich. Ihr letzter Akt wird aber von den Obrigkeiten als Affront gegen die Hauptstadt gesehen. Einige der Kolonien schöpfen daraus Kraft, es brodelt und erster Unmut in den Kolonien flammt auf.

Ein Jahr später, als sich die Revolution zum 75. Mal jährt, sind die Spielregeln anders: Aus den bisherigen Gewinnern werden die diesjährigen Tribute ausgewählt. Da Katniss die bisher einzige weibliche Siegerin aus ihrer Kolonie ist, muss sie auch wieder ran. Auch dieses Mal überlebt sie und kommt schließlich zu den Rebellen, die ihr Hauptquatier in der dreizehnten Kolonie haben. (Von dem Panem behauptet, dass es seit dem Krieg der Revolution unbewohnbar sei.) Katniss ist zum Symbol der Rebellen geworden und wird von diesen auch so eingesetzt. Ihre Kolonie wird von Panem vollständig zerstört.

Bei der Darstellung der Rebellen habe ich mich ein wenig an Animal Farm erinnert gefühlt und eine Parabel auf verschiedene Gesellschaftsmodelle gesehen: Einerseits der dekadente, verschwenderische Kapitalismus Panems, der auf dem Leid und der Ausbeutung anderer basiert (man erinnere sich an Textilfabriken im fernen Osten), auf der anderen Seite ein militaristischer Komplex, der alle befreien, aber keinesfalls allen Freiheit geben will, mit strengen Tagesabläufen, totaler Überwachung und enger Rationierung. Die Rebellen kopieren letztlich viele schlimme Dinge, die sie vorher selbst bekämpft haben, bis hin zu den Hunger Games selbst.

Katniss’ Rolle verändert sich dabei immer mehr von der aktiven Akteurin hin zur Getriebenen, von der selbst- und eigenständigen Frau hin zum kleinen Nervenwrack, das zwar immer noch trotzig ist, aber keine eigenen Impulse mehr setzt. Gegen Ende wird sie von den Rebellen eingesperrt – Einzelhaft; das Gerichtsverfahren gegen sie wird ohne Anhörung von ihr durchgeführt – und freigesprochen. Und heiratet am Ende doch den einen, den sie eigentlich nie wollte.

Ja, bei dieser Geschichte ist ihr Werdegang durchaus nachvollziehbar und realistisch. Irgendwann fehlt die Energie, zu kämpfen. Trotzdem hätte ich mir eine stärkere Persönlichkeit gewünscht, die nicht ganz so getrieben von den äußeren Umständen wird. Auch das wäre durchaus realistisch gewesen. Schade – Chance verpasst. Spannend und lesenswert war es aber auf jeden Fall!

Nächster Donnerstag

In einer Parallelwelt spielen die (bisher) sieben Romane der Thursday-Next-Reihe von Jasper Fforde, jener Autor, von dem ich auch schon Shades of Grey gelesen habe. Die Hauptfigur eben, Thursday Next, lernt, in Bücher und die Welt, in der die Bücher spielen, zu springen und verändert im ersten Buch – The Eyre Affair – das Ende des Romans Jane Eyre. Wie auch zu anderen Gelegenheiten in der gesamten Serie ist das Endergebnis der Roman, so wie man ihn in unserer Welt kennt.

Eigentlich ist Thursday aber Veteranin des Krimkrieges, der in dieser Welt noch im Jahre 1985 andauert und zwischen England und Russland tobt, und das, obwohl England 1942 von den Deutschen besetzt war. Aktuell arbeitet sie für die Special Operations, eine zur Polizei parallele Organisation, die sich um die Dinge kümmert, die zu speziell oder schwierig für die normale Polizei sind.

Es ist schwierig, über sieben aufeinander aufbauende Bücher zu schreiben, ohne die ersten zu sehr zu spoilern, aber es sollte nicht überraschen, dass die Erzählerin und Titelheldin wenigstens die ersten sechs davon überlebt. Mehr noch: Thursday heiratet und bekommt einen Sohn, den sie Friday nennt (ihre Mutter heißt übrigens Wednesday). Die ersten vier Bücher gehen alle fast nahtlos ineinander über; das zweite Buch (Lost in a Good Book) finde ich als eigenständige Geschichte sehr schwach. Zu viele Punkte des ersten Buches werden einfach nur aufgearbeitet, zu wenig die eigene Geschichte weitergesponnen. (Abgesehen davon wäre eine Übersetzung „In einem guten Buch verloren“, aber die deutsche Ausgabe hat den langweiligeren Titel „In einem anderen Buch“.)

Wirklich Fahrt nimmt die Serie wieder mit Nummer drei – The Well of Lost Plots (diesmal mit sinnvoller Titelübersetzung im Deutschen) – auf. Da ihr Ehemann in Buch zwei von chronupten Zeitpolizisten ausradiert wurde, zieht sich Thursday in die Buchwelt zurück und harrt zwei Jahre lang mit Friday in einem weniggelesenen Buch aus und wird zur Agentin von Jurisfiktion, der Buchwelt-Polizei, ausgebildet. Schließlich kommt das Showdown im vierten Buch Something Rotten, in dem Thursday mit Hamlet zusammen in die echte Welt zurückkehrt, um den Untergang der Welt abzuwenden, in dem sie den Superhoop (das Äquivalent dieser Welt zu unserer Welt SuperBowl, aber für Cricket) für ihre Heimatstadt Swindon gewinnt und damit die merkwürdig spezifischen Vorhersagen von St. Zvlkx aus dem 13. Jahrhundert erfüllt. St. Zvlkx selbst erscheint ein paar Tage vorher, ebenfalls wie von ihm vorhergesagt, kann aber am Ende nicht mehr helfen.

Nach diesen vier Büchern, die Ende der 1980er Jahre spielen, springen wir im fünften Buch, „Irgendwo ganz anders“ (oder, in richtig: First Among Sequels) zum Anfang der 2000er, in denen Thursday zwei Kinder im Teenager-Alter hat – Friday hat eine kleine Schwester, Tuesday – und eine weitere Tochter, Jenny. Thursday arbeitet nicht mehr für Jurisfiction, und auch nicht mehr für Special Operations, oder wenigstens erzählt sie das ihrem Ehemann. Natürlich ist aber die Teppichverlegefirma, in die alle ehemaligen SpecOps-Offiziere bei der Auflösung von SpecOps gewandert sind, nur eine Fassade für die gleichen speziellen Operationen, und das widerum für Thursday nur eine Fassade für ihre Buchwelt-Ausflüge. Dort hat sie zwei Lehrlinge: Eine davon ist Thursday1-4, ihr geschriebenes Alter Ego aus den ersten vier Bücher, die aber in der Welt von Thursday Next voller roher Gewalt und Gefälligkeitssex sind. Da das der „echten“ Thursday überhaupt nicht gefiel, kommt sie mit Thursday1-4 ebensowenig klar wie mit der Blümchenkind-Veganer-Joga-Variante, die für das fünfte Buch The Great Samuel Pepys Fiasco (was es in unserer Welt nicht gibt) erschaffen wurde: Thursday5. Nebenbei muss sie ihren Sohn davon überzeugen, zu den Zeitwächtern zu gehen, da ansonsten alle Zeitreisen zusammenbrechen würden. Der ist aber eher damit beschäftigt, sich darüber Gedanken zu machen, wieso die „guten alten Zeiten“ früher so viel weiter weg waren als heute.

One of Our Thursdays is Missing ist schließlich aus der Perspektive der ehemaligen Thursday5 geschrieben, die den Job von Thursday1-4 übernommen hat. Die echte Thursday wird gesucht, denn sie wird dringend gebraucht, um in der Buchwelt einen Krieg zwischen den Genres Anzüglicher Roman und Feminismus zu verhindern. Thursday5 ist sich aber nicht sicher, ob sie nicht selbst die echte Thursday ist, die vielleicht das nur vergessen hat. Die in jedem Fall echte Thursday kommt aus diesem Buch schwer verletzt wieder zurück und bewirbt sich in The Woman who Died A Lot auf eine Stelle bei den wiedereingeführten SpecOps. Tuesday, ihre Tochter, ist fieberhaft damit beschäftigt, ein Schutzschild gegen Gotteszorn zu bauen, bevor am Ende der Woche die globale vereinheitlichte Gottheit in Swindon ein Exempel statuieren will.

All diese Bücher sind von einem Mann geschrieben und haben eine Frau als Protagonistin, ja sogar als Erzählerin. Und er spielt damit, dass Frauen sehr häufig entweder als Engel oder als Teufel dargestellt werden, aber selten als facettenreiche Menschen, wenn er die „echte“ Thursday ihrer Teufelsversion Thursday1-4, die nur ballern und ficken kann, gegenüberstellt. Thursdays versuche, das öffentliche Bild von sich zu bereinigen, schlagen dann ins Gegenteil um, und heraus kommt eine ebenso übertriebene Verzerrung einer Frau, die im Einklang mit sich und der Natur einfach immer nur alles und jeden Umarmen will, in Thursday5. Thursday hat einen liebenden Ehemann, der eine vielversprechende Karriere als Schriftsteller hinten an stellt, um sich um seine Familie zu kümmern und Thursday den nötigen Raum für ihre Abenteuer zu geben.

Auch mit Sprache kann er hervorragend umgehen. In der Buchwelt gibt es Parasiten, die Grammarsites, die Worte zersetzen. Adjectivores nehmen jegliche Beschreibung aus den Büchern, und zurück bleiben eigenschaftslose Objekte, und wenn die Handlung im Umfeld eines Myspeling Vyrus ist, insd auf enimal ale Wørder valcsh geschribn. Ulysses, zum Beispiel, wird von Satzzeichendieben heimgesucht, die im letzten Kapitel alle Satzzeichen geklaut haben, aber es wird nichts Natürliches gewesen sein, denn der letzte Punkt wurde übriggelassen. (Ich habe nochmal in meine halbangefangene Ausgabe von Ulysses geguckt: Da sind wirklich keine Satzzeichen im letzten Kapitel.) Nach dem Diebstahl wird gemutmaßt, ob im Outland (also der nicht-fiktiven Welt) das nicht irgendwer für besonders künstlerisch wertvoll halten würde. Harr, harr. Die Texte beinhalten unglaublich viele Referenzen auf Bücher, viele davon Klassiker, die keinem Copyright mehr unterliegen – einmal warten alle gespannt auf Harry Potter, aber dann kommt eine Assistentin und verkündet, er könne wegen Urheberrechtsprobleme leider an der Besprechung nicht teilnehmen.

In der Buchwelt sind Dinge nur textlich beschrieben; Thursday geht es in The Well of Lost Plots ziemlich auf den Keks, dass die Texturen und Gerüche fehlen. Wenn im Text nicht mehr steht, wer gerade was sagt, dann wissen das die Figuren auch nicht. Namen wie Grmskfpdldjkz sind vollkommen okay, denn auch wenn niemand in der Buchwelt weiß, wie sie auszusprechen sind, können sie diese Namen sagen – textlich. Neben der textlichen Welt heben die Bücher aber auch immer auf absurde Politik ab, wie in der Szene, in der ein Politiker in einer Debatte gefragt wird, ob er denn die „eine schreckliche Tat, die jemand letzten Dienstag begangen hat,“ verurteile.

First Among Sequels ist nur eines – das am prominentesten, als Buchtitel platzierte – Beispiel für die Wortspiele, die Fforde in die Bücher einbaut (aus „First Among Equals“ – Erster unter Gleichen – wird hier Erstes unter Fortsetzungen), andere Beispiele sind Namen wie Anne Wirthlass-Schitt, was man als „eine wertlose Scheiße“ verstehen kann, oder lauter Namen, die sich wie eine Verabschiedung in verschiedenen Sprachen anhören, zum Beispiel Alf Widdershain. Und als Thursday von einer Nonne angegriffen wird, berichtet sie, dass die Nonne sie eine „procreating girl-dog“ genannt hat, nur „nicht in genau diesen Worten“. Welche Worte für die sich fortpflanzende Hündin gewählt wurden, kann man sich dann selbst denken.

Das achte Buch, letzter Teil des zweiten Vier-Buch-Bogens, fehlt noch. Ich bin nun hin- und hergerissen, ob ich lieber eher Thursday Next 8 oder Shades of Grey 2 lesen will. Oder ich mache einfach weiter mit den anderen Büchern von Jasper Fforde.

Das war 2016

Im letzten Jahr habe ich einige politische Gedanken gebloggt, und ich finde es nur fair, mal zurückzublicken und mir zu überlegen, wie sich meine Ansichten und die Welt seitdem entwickelt haben.

So habe ich im Mai über schnelle Züge sinniert. Anlass war eine Diskussion über die Mottgers-Spange und meine Frustration darüber, dass ich nirgendwo Zahlen zu den Fahrtzeiten der vorgeschlagenen Alternativen finden konnte. Nun, die meisten Argumente würde ich genau so wiederholen, allerdings wurde ich darauf hingewiesen, dass die aktuelle Planung der Mottgers-Spange tatsächlich eine Fahrzeit von mehr als 45 Minuten auf Frankfurt – Fulda bedeuten würde. Für keine andere Variante habe ich bisher entsprechende Informationen gefunden.

Ich habe ebenfalls, aufgehängt an Gedanken zum Ausbau der Main-Weser-Bahn, über Stuttgart 21 und das Verhalten der Grünen dazu sinniert. Nun sind seit dem mehrere Gutachten öffentlich geworden, die dem Projekt eine zu positive Risikoabschätzung bescheinigen, und aus Baden-Württemberg hört man abwechselnd, dass sich die Grünen gemeinerweise gegen das Projekt stemmen oder gemeinerweise zu sehr für das Projekt sind. Unterm Strich ein Patt, würde ich sagen. Ich hoffe allerdings nach wie vor sehr, dass die Landesregierung standhaft bleibt und keinen Cent mehr als das vom Volksentscheid genehmigte Geld in dieses Projekt steckt.

Darauf aufbauend, wiederum, habe ich mich darüber aufgeregt, dass Bernie Sanders so lange seinen Wahlkampf gegen Hillary Clinton aufrecht erhalten hat, bei der Vorwahl der Demokraten in Amerika. Nun, letztlich hat er eingelenkt und Clinton ehrlich, aufrichtig und unermüdlich unterstützt. Gereicht hat es freilich nicht, und da am Ende etwa 109 000 Wähler*innen den Ausschlag gegeben haben, war sein Verhalten genauso wie jedes andere Detail des Wahlkampfes wahrscheinlich wahlentscheidend.

Mit der Beschwerde der hessischen Beamten, dass sie doch 100 % gäben, aber nur 1 % bekämen, habe ich mich ebenfalls auseinandergesetzt. Die Kritik an dem Slogan besteht weiterhin, allerdings wurde ich darauf hingewiesen, dass die Lohnerhöhungen natürlich auch im Lichte der Arbeitszeitverlängerung in 2004 von 38 ½ Stunden auf 42 Stunden pro Woche gesehen werden sollten. Es sollte also sein: Wir geben 109 %, sie geben 101 %. (Die Inflationsrechnungen, die ich im Juli dazu gemacht habe, lasse ich jetzt mal weg.) Auch richtig, aber dass der Slogan idiotisch ist, wird dadurch immer noch nicht verändert.

(Der Ernst des) Leben(s) beginnt

Der Ernst, der berühmte, der des Lebens, der fängt ja ständig und immer wieder an. Grundschule, weiterführende Schule, Oberstufe, Studium, Promotion, erster sozialversicherter Job, erster Job außerhalb der Uni. Nun, endlich, scheint diese Reihe bei mir komplettiert, ich glaube nicht, dass das Leben noch ernster werden kann, als dadurch, dass man eine Familie gründet. Irgendwann Anfang des nächsten Jahres werde ich Vater sein, werde dafür sorgen müssen, dass aus einem kleinen, hilflosen Jungen ein verantwortlicher Mann wird. Und schon gehen die Selbstzweifel los, ob und wie gut man das kann. Was man denn machen sollte. Ich möchte ein engagierter Vater sein, und zwar nicht nur nach Feierabend. Ich möchte meine Erfahrungen dabei teilen. Doch wie viel darf ich denn über meinen Sohn erzählen, ohne ihn später zu sehr einzuschränken, weil die ganze Welt wird lesen können, wie sich dieser Bewerber auf die Stelle als Sechsmonatiger verhalten hat? Meine bessere Hälfte, seine Mutter, sieht das Problem nicht: Meinen Blog liest ja eh keiner. Ok – aber vielleicht sucht dann ja jemand danach. Außerdem ist natürlich eine Erzählung der Schwangerschaft notwendigerweise eine Erzählung von der Mutter. Nun, wie ich diesen Widerstreit auflösen kann, weiß ich noch nicht. Die Mutter kann ich wenigstens fragen, was ich schreiben darf und was nicht.

Bis dahin versuchen wir erstmal, uns in dieser neuen Rolle zurechtzufinden. Statt eines Kinderzimmers (wer braucht das schon in der Anfangszeit) richten wir gerade ein Großelternzimmer ein (das heißt, unser Gästezimmer wird etwas wohnlicher gemacht), und wir nerven neue Eltern in unserem Umfeld mit Fragen. Wie ist das, wenn die Großeltern weit weg wohnen? Wie viele verschiedene Gefährten braucht man? Und ab wann? Mehrwegstoff- oder Einwegplastikwindeln? Nach der Woche in Usedom haben uns unter Anderem diese Fragen für ein langes Wochenende nach Kiel zu einer Verwandten mit einem zehnmonatigen Sohn gebracht, und daher haben wir auch das „Mamablog-Buch“. (Und einige der Fragen hatten wir auch erst nachher.) Die Fahrt dorthin und zurück verlief immerhin ohne Probleme und Verzögerungen.

Bisher sieht alles perfekt aus, Mutter und Kind sind in bester Gesundheit, der Vater verkraftet auch, immer mal wieder durch den Bauch geboxt zu werden (die Mutter muss das sowieso die ganze Zeit verkraften) und der Gebärort ist auch schon ausgesucht. Wollen wir hoffen, dass es so bleibt.

Aber ich habe doch recht!

Für Stuttgart 21 gab es einen „Stresstest“, laut dem ein Bahnhof, der nicht gebaut werden soll (10 Gleise statt 8), mit einer Technik, die es nicht gibt (eigentlich dauert es 30 Sekunden, bis Gleisabschnitte freigegeben werden), problemlos einen Fahrplan, der nicht gefahren werden soll, bewältigen kann. Die Medien haben aber die Geschichte der Deutschen Bahn („Stuttgart 21 besteht Stresstest“) geglaubt, die Gegner haben es nicht geschafft, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass der geplante Bahnhof den Test eben nicht bestanden habe und das wirkliche Bauvorhaben eben immer noch genau so desaströs zu werden droht, wie schon immer befürchtet. Der Volksentscheid wurde verloren, Stuttgart 21 wird gebaut.

So eine ähnliche Situation kann man aktuell in den USA sehen: Bernie Sanders bewirbt sich für die Nominierung der Demokraten und tritt dabei gegen Hillary Clinton an. (Es gab Anfangs noch vier andere Kandidaten, die aber mittlerweile aufgegeben haben.) Sanders gilt als sehr links, bezeichnet sich selbst als demokratischer Sozialist, während Clinton als Establishment und als moderater gilt; beide haben sich, als sie gemeinsam im Senat waren, bei etwa 93% der Abstimmungen gleich verhalten. Die haben Medien schon lange, bevor irgendwer gewählt hat, Clinton als Favoritin ausgemacht, und von den etwa 15% der Delegierten auf dem Parteitag (713 von 4765), die als Parteifunktionäre nicht gewählt sind, haben sich sehr viele schon vorher auf Clinton festgelegt.

Dann kommt noch die unglückliche Tatsache, dass die Partei im Vorfeld verhindern wollte, dass es zu viele Debatten geben würde – die Idee ist, dass man, je weniger man unter Demokrat*innen diskutiere, sich weniger gegenseitig kritisieren und demontieren würde. In der Hauptwahl gegen die Republikaner könnten diese also weniger „die Demokraten denken ja selbst, dass ihr(e) Kandidat(in) nichts taugt“ sagen. Gleichzeitig verhindert das, dass unbekannte Kandidaten (eben Sanders) bekannter werden. Kurz: die Ausgangssituation hat Clinton sehr bevorzugt.

Nun sind die Vorwahlen fast durch; heute wählen noch die letzten Staaten, bevor nächsten Dienstag auch der District of Columbia seine letzten Delegierten bestimmt. Clinton führt in jeder denkbaren Sichtweise:

  • Gebundene Delegierte (also die, die durch die Wahlen festgelegt wurden),
  • Anzahl der gewonnenen Staaten,
  • Wählerstimmen gesamt,
  • freie Delegierte (die vorgenannten Superdelegierten).

Entscheidend ist die Anzahl der freien + gebundenen Delegierten. Aber natürlich kann man das (vollkommen richtige!) Argument anführen, dass die Superdelegierten undemokratisch sind, also kann man auf gebundene Delegierte und Wählerstimmen gucken.

In beiden, vom Volk bestimmten, Maßen ist Clinton vorne, und zwar nicht nur knapp. Clinton könnte Kalifornien heute Abend mit 50%-Punkten verlieren und hätte immer noch eine Mehrheit an Delegierten; die 3 Millionen Stimmen Vorsprung kann Sanders praktisch gar nicht mehr einholen. Die Umfragen für Kalifornien sagen einen Sieg für Clinton (zwischen 2% und 18%) voraus.

Sanders (und vor allem seine Unterstützer) sind aber der Meinung, doch noch die Nominierung bekommen zu können. Wie? Man werde die Superdelegierten überzeugen, ihre Meinung zu ändern. (Ich sollte nicht unerwähnt lassen, dass Superdelegierte für die Sanders-Kampagne am Anfang das Böse schlechthin waren, so lange, wie es nicht praktisch unmöglich war, eine Mehrheit der freien Delegierten zu gewinnen.)

Aus deutscher Sicht war es lange Zeit schwer verständlich, warum Sanders in Amerika für radikal gehalten wird; in der Tat sind die meisten seiner Forderungen in Deutschland praktisch gar keine Streitthemen. Aber an seiner Reaktion auf die tatsächlichen Wahlergebnisse sehe ich einen alarmierenden Aspekt: die Überzeugung, dass man doch eigentlich besser geeignet wäre, die Demokraten bei der Präsidentschaftswahl zu vertreten, dass die eigenen Positionen doch eigentlich die besseren seien, führt dazu, dass man die Wahl ignorieren will. Weil man es besser wisse als die Wähler, die schlecht informiert waren, denen viel zu lange erzählt wurde, dass Clinton ja sowieso gewinnen würde. Das ist für mich auf jeden Fall radikal, und, ja, ich halte das auch für gefährlich. „Meine Meinung ist wichtiger als die Mehrheitsmeinung“ ist per Definition undemokratisch.

Woher kommt aber dieses Festhalten an diesen Strohhälmen? Wie kann man einen solchen Affront gegen alle Wähler*innen fordern – abgesehen von der symbolischen Wirkung, wenn eine mit großem (!) Vorsprung gewählte Frau die ihr dadurch zustehende Position nicht bekommen würde, sondern ein alter, weißer Mann ihr bevorzugt würde? Auch, wenn viele Sanders-Anhänger sie als korrupt bezeichnen, als zu konservativ, oder glauben, dass sie ob ihres Umgangs mit e-Mails als Außenministerin offiziell angeklagt wird, wird Clinton die Kandidatin sein. Und nicht, weil sie so viele Superdelegierte auf ihrer Seite hat, sondern weil sie so viele Stimmen bekommen hat. Weil so viele Leute der Meinung waren, sie sei die bessere Wahl. Vielleicht haben viele davon gar nicht geglaubt, dass sie wirklich als Präsidentin einem Präsident Sanders vorzuziehen ist; vielleicht war vielmehr ausschlaggebend, dass die Nachteile einer Präsidentin Clinton gegenüber einem Präsidenten Sanders dadurch aufgewogen werden, dass die Wähler geglaubt haben, ein Sieg Clintons gegen die Republikaner (wir wissen jetzt: Trump) sei viel wahrscheinlicher als ein Sieg von Sanders, und dass die Wähler daher nicht so sehr Clinton gegen Sanders sondern vielmehr {Clinton gegen Trump} gegen {Sanders gegen Trump} abgewägt haben. Vielleicht wurde diese Abwägung uninformiert getroffen, vielleicht haben sich die Wähler geirrt. Vielleicht gab es andere Gründe für das Wahlverhalten. Diese ganzen Vielleichts sind aber unwichtig, denn beim Ergebnis ist kein Vielleicht übriggeblieben.

Der Kampf um Superdelegierte ist nun zu einem Kampf derjenigen geworden, die von ihrer Meinung so überzeugt sind, dass sie nicht wahrhaben wollen, dass ihre Positionen nicht mehrheitsfähig sind, oder zumindest einfach keine Mehrheit bekommen haben. Ähnlich, wie die Gegner von Stuttgart 21 keine Mehrheit bekommen haben, und auch da gibt es immer noch Hardliner, die das nicht wahrhaben wollen. Es werden Verschwörungen gewittert: auch wenn die genauen Beteiligungsregeln in den Vorwahlen in manchen Bundesstaaten extrem merkwürdig sind (in New York zum Beispiel musste man sich ein halbes Jahr vor der Wahl bei der richtigen Partei registrieren), sind sie alle schon so lange gültig, dass man keine akute Bevorzugung von Clinton hineininterpretieren kann. Über Vorwahlen, in denen nur registrierte Demokraten wählen durften, wurde sich lauthals beschwert, weil viele von Sanders‘ Unterstützern eben keine registrierten Demokraten sind (und, in der Tat, Sanders hat bei „offenen“ Vorwahlen besser abgeschnitten als bei „geschlossenen“). Über Caucuses, eine sehr komplizierte Art der Vorwahl, die sich vor allem durch eine sehr kleine Wahlbeteilgung auszeichnen und die für Sanders sehr viel besser ausgegangen sind, wurde sich jedoch nicht beschwert. (Eine sehr nette Analyse der bisherigen Wahlergebnisse zeigt, dass Clinton wesentlich mehr durch Caucuses geschädigt wurde als Sanders durch geschlossene Vorwahlen; wenn alle Staaten freie Vorwahlen hätten, wäre Clinton’s Vorsprung noch ein wenig größer.)

Nun bin ich also schon wieder an einem Punkt, an dem falsche Hoffnungen geschürt werden, an dem demokratische Entscheidungen nicht akzeptiert werden können, an dem Betrug gewittert wird, wo es einfach nur nicht genügend Gleichdenkende gibt. In dem Fall hier hoffe ich, dass sich genügend Sanders-Wähler bei den Hauptwahlen im November aufraffen werden, um zu verhindern, dass Donald Drumpf der mächtigste Mann der Welt wird. Ich bin mir sehr sicher, dass Hillary Clinton eine wesentlich bessere Wahl ist.

Nein, nicht „fünfzig“

Das muss man bei dem letzten Buch, das ich gelesen habe, immer dazu sagen, denn wenn man nur den Titel sagt, denkt jeder an den SM-Bestseller von 2012. Ich rede aber vom Science Fiction/Fantasy-Buch Shades of Grey I: The Road To High Saffron von Jasper Fforde. Nach Pratchett’s Tod hätte ich nicht gedacht, einen Autor zu finden, dessen Witz es mit ihm aufnehmen könnte; Fforde kommt dem aber immerhin ziemlich nahe.

Weit in der Zukunft ist die Gesellschaft nach strikten Regeln durchstrukturiert und da die Farbwahrnehmung der Menschen sehr stark nachgelassen hat, werden künstliche Farben zu sehr wertvollen Rohstoffen. Die meisten Menschen können nur eine Grundfarbe, niemand mehr als zwei, sehen, und so sind die Violettseher (rot und blau) die in der Gesellschaft höchstangesehenen; schlechter als Rotseher sind nur die Greys, die keine Farbe mehr als 10 % sehen können. Der Held der Geschichte ist ein Red, Eddie Russet, der eigentlich in eine reiche Red-Familie einheiraten will, aber in der Grenzregion auf die Grey Jane trifft, die so gar nicht mit den Regeln einverstanden ist und Eddie den Kopf und das Herz verdreht, und seine ganze Welt(anschauung) dabei herumdreht.

Fforde schreibt nicht nur von den sinnigen und unsinnigen Regeln (wie, dass keine Löffel hergestellt werden dürfen und man Bleistifte nicht zu oft spitzen sollte, oder dass Einräder rückwärts nicht in übermäßiger Geschwindigkeit gefahren werden dürfen), sondern auch von der Gesellschaft, von Hierarchien, Lügen, Macht und schafft es ganz nebenbei, den Bechdel-Test zu bestehen. Dies finde ich deshalb so bemerkenswert, weil es kein expliziter Frauenroman ist, oder gar von einer Frau geschrieben; es ist einfach eine ganz normale Geschichte von Menschen, nicht von Klischees. So, wie es sein sollte. Wow.

Wie der Titel andeutet, ist dies der erste Teil einer Trilogie, allerdings ist das Buch jetzt 6 Jahre auf dem Markt, ohne dass es eine Fortsetzung gäbe. Ich prangere das an!