Lesen

Original-Post

Ich lese gerne. Das habe ich hier schon mal vor sehr langer Zeit geschrieben, und daran hat sich nicht viel geändert. Meine Lesemenge ist allerdings starken Schwankungen unterworfen.

Das schlechte Wetter Anfang diesen Jahres (naja, „Anfang“, haha, es regnet ja immernoch ständig) hat mich wieder viel zum Lesen gebracht, denn die U-Bahn-Fahrten morgens und abends eignen sich dazu ziemlich gut, auch wenn sie nur 7 Minuten dauern.

Nun hatte ich ja mal recht lautstark für einen eBook-Reader Werbung gemacht, und trotz dem hr-bericht über menschenunwürdige Bedingungen bei amazon habe ich meinen kindle nicht verschrottet oder stillgelegt. Immernoch würde ich dieses Gerät wieder kaufen. Und Geld für elektronische Bücher habe ich immernoch keins ausgegeben; ich lese immernoch alte Bücher, deren Inhalt nicht mehr dem Urheberrecht unterliegen und die legal und kostenlos aus dem Internet heruntergeladen werden können

Moby Dick und Faust

Nun aber zu den ganzen Büchern: Angefangen hatte ich das Lesen auf dem kindle mit der zweiten Hälfte von Moby Dick, einem Buch, was ich auch nicht hätte lesen müssen. (Bevor ich den kindle bekam, hatte ich schon damit angefangen.) Das lyrische Ich erzählt von seiner Zeit auf dem Schiff von Captain Ahab, der den weißen Wal Moby Dick jagt und am Ende von diesem zerstört wird. Immermal wieder wechselt Melville, der Autor, aber aus der Prosa in Theateranweisungen, als fehlte ihm die Lust, die Dialoge ordentlich auszuschreiben. Das lyrische Ich berichtet dann von der vollständigen Zerstörung des Schiffs, nur, oh, stimmt, er lebt ja noch, öh, ja, er hat irgendwie als einziger überlebt.

Als Nächstes wollte ich mal nachholen, was ich in der Schule nie lesen musste: Faust. Ich habe in der elften Klasse geschafft, Die Leiden des Jungen Werthers nicht lesen zu müssen und mich irgendwie durchzumogeln (ich weiß nicht mehr, wie das geklappt hatte), und die beiden Fausts in Versform fielen mir nicht viel leichter zu lesen. Ich bin während der Lektüre zu der Überzeugung gekommen, dass Goethe einfach ein verdammt schlechter Dichter war. Ständig stimmt das Versmaß nicht und man (ich) stolpert darüber. Ja, wird mir erzählt, das sind dann aber immer Stellen, an denen irgendwas Schlimmes passiert. Aber mal ehrlich: Im Faust geht es um einen Pakt mit dem Teufel. Und eine ganze Weile lang um die Hexen bei der Walpurgisnacht. Da passiert immer was Schlimmes. Ganz nebenbei wird außer dem Brocken (bei der Walpurgisnacht) noch genau eine Lokalität wirklich genau erwähnt: Auerbachs Keller in Leipzig. Vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen. Es tut überhaupt nichts zur Sache, dass Faust und Mephisto in Leipzig sind, oder eben in diesem Gewölbe, aber Goethe macht hier mal ein wenig Namedropping. Warum nur? Schleichwerbung? Jedenfalls ging es mir auf den Geist.

Dem Faust II hatte ich dann versucht, eine faire Chance zu geben, aber ich befürchte, dass mir das nicht wirklich gelungen war. Goethe-Fan werde ich mit Sicherheit nicht mehr.

Dystopie in Brave New World

Nach Moby Dick hatte ich erstmal eine ausgeliehene Papierversion von Huxley’s Brave New World gelesen. Leider hatte es meine Erwartungen nur teilweise erfüllt – dass die Dystopie von 1932 heute in vielen Teilen wesentlich anders gesehen wird, als Huxley sich das vorgestellt hatte, ist dabei nur ein Punkt. Ich hatte bei Recombinant Records vorher eine schöne Gegenüberstellung von 1984 (habe ich in der 12. Klasse mal im Unterricht gelesen) und Brave New World gesehen, die wegen Urheberrechtsfragen leider heute nicht mehr zu sehen ist und auf dem Buch Amusing Ourselves to Death basiert, und zu folgendem Schluss kommt: Orwell (Autor von 1984) hatte Angst davor, dass wir von dem beherrscht werden, was wir hassen, Huxley hatte befürchtet, dass wir von dem beherrscht werden, was wir lieben, und in unserer Konsumgesellschaft kommen wir dem zweiten sehr nahe.

Aber für meinen Geschmack überzeichnet Huxley das ganze ein bisschen, oder vielleicht ist das auch die Stärke bei dem Ganzen: In seiner Welt müssen Slogans und erzwungene Gewohnheiten den Kindern von der Zeugung (immer im Reagenzglas) an eingetrichtert werden, während wir heutzutage für „Better ended than mended“ — lieber wegschmeißen als reparieren – kein anderes Argument als die hohen Arbeitskosten während der Reparatur brauchen. Auch hat er ein – aus meiner heutigen Sicht von 80 Jahre später – viel zu deterministisches Bild davon, was DNA alles im Körper steuert. So gab es insgesamt viele „Ja, aber“-Momente für mich beim Lesen des Buchs. Vollkommen egal: Ich habe das Buch sehr genossen.

Mehr zum Lesen im nächsten Eintrag.

baeuchle

Autor: baeuchle

Baujahr 1984, Maikind. Geboren in Frankfurt, aufgewachsen in Frankfurt, bis ins Alter von 31 Jahren eigentlich immer Frankfurt. Jetzt Kassel. Ausführliche Vorstellung

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