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Ploče

Original-Post

Erst die Zusammenfassung: ich war mit Fips für 5 Tage im Balkan unterwegs, wir fuhren Freitag von Frankfurt mit dem EC umsteigefrei über Stuttgart, München, Salzburg, Villach und Ljubljana nach Zagreb, Samstag über Bosanski Novi, Banja Luka und Doboj nach Sarajevo, Sonntag über Mostar nach Ploče und weiter mit dem Bus nach Split, Montag von dort über Oštarije nach Rijeka und zurück nach Zagreb, Dienstag dann über Maribor, Graz, Pyhrnbahn, Linz, Passau, Nürnberg und Würzburg nach Hause. Und es war super.

Angefangen hatte alles mit diesem Tweet. Beziehungsweise mit einem Dia-Vortrag, den ich am Tag vorher gesehen hatte: Ich würde mal nach Ploče mit dem Zug müssen.

Die Fahrt nach Zagreb war nicht viel anders als die Fahrten im Januar und Juli 2011 — wirklich schön, aber eben schon bekannt. Neu war dann die Fahrt nach Bosnien-Herzegowina. Die fing flott an — mit 120 km/h — wurde dann aber schnell langsam. Lokwechsel an der Staatsgrenze und dann nochmal an der Grenze zwischen der Republik Srpska und der Föderation Bosnien und Herzegowina helfen der Reisegeschwindigkeit ebensowenig wie die ständigen Langsamfahrstellen mit 40, 20 oder gar 10 km/h und das Abbremsen auf 20 km/h bei jeder Ein- und Ausfahrt in einen Bahnhof. Die Strecke zieht sich.

Wirklich in Erinnerung bleibt aber wohl die Zerstörung. Schützenbunker an den Strecken hatten wir zwar auch in Serbien gesehen, aber hier waren sie auch modern, aus Beton, hier sind mir viel mehr Minen-Warn-Schilder entlang der Strecke aufgefallen, hier habe ich viel mehr Häuser mit sichtbaren Einschusslöchern und auch nach 17 Jahren noch zerschossene Rollläden (die noch benutzt werden!) gesehen.

Und dann war da noch der Fußball. Der Schaffner kam irgendwann zu uns und machte uns mit Hand, Fuß und Fips‘ Bulgarischkenntnissen klar, dass am nächsten Bahnhof — Banja Luka — die letzten beiden Wagen für Fußballfans reserviert seien und wir doch daher bitte in den ersten gehen sollten. Kurz nachdem sich mein Begleiter gefreut hatte, dass die ganzen Fans auch ohne Polizeiaufgebot reisen können (was in Deutschland nicht möglich ist), stiegen am nächsten Bahnhof einige Dutzend Polizisten mit Schutzschild und Kampfmontur ein. Die kontrollierten sehr gründlich, wer mit dem Zug fährt, schrieben Personalien auf, und fragten genau nach, warum die Leute Zug fahren, wo sie hin wollen und so weiter. Nur die deutschen Touristen (also wir) wurden nicht behelligt. Ja, klar, dafür gibt es gute Argumente, aber irgendwie fand ich das trotzdem komisch.

Als die Fans in Zenica ausgestiegen waren (soweit ich das nachvollziehen kann, ist das Spiel 1:1 ausgegangen), kam ein alter Mann zu uns, der seine zweieinhalb Brocken Deutsch benutzen wollte, um mit uns zu reden. Das ging größtenteils erstaunlich gut, und so zeigte er irgendwann auf die Autobahn mit der Mautstation und sagte „Deutschland: Krieg, zwanzig Jahre, Kapitalisten. Bosnien: Krieg, ein Jahr, Kapitalisten“. Wir haben uns gut verstanden.

Leider war es in Sarajevo regnerisch und dunkel, und wir mussten auch schon früh wieder fahren, aber was wir von der Stadt gesehen haben, hat uns sehr gut gefallen. So fuhren wir dann am nächsten morgen um fünf nach sieben in ehemaligen schwedischen Wagen gen Adria. Über den Iwan-Pass, der ja der Auslöser für alles war. Und es ist einfach atemberaubend, dort entlang zu fahren. Die anschließende Strecke ist auch schön und sehenswert, sodass sich die Fahrt wirklich lohnt. Wahnsinn. Die Busfahrt an der Adria entlang bis Split war zwar eine Busfahrt und daher per sé nicht so toll wie eine Bahnfahrt (nicht mal aufs Klo kann man während der Fahrt gehen), aber dennoch nicht arm an tollen Blicken. Vielleicht gibt’s ja irgendwann mal eine Konferenz dort.

Dann kam Split. Die Innenstadt mit verschachtelten und sogar zum Laufen fast zu engen, Marmor-gepflasterten Gassen wäre, genauso wie Sarajevo, noch einen Tag mehr Zeit Wert gewesen, wenn wir sie denn gehabt hätten. So ging es wieder am morgen weiter, in einem erste-Klasse-Wagen Richtung Zagreb, aber nur bis Oštarije, wo der Anschlusszug von Zagreb nach Rijeka (5 Minuten Umsteigezeit) eine Viertelstunde auf unseren total verspäteten Zug gewartet hatte. Den Übergang der Landschaft von mediteranem Bewuchs zu voralpiner Vegetation konnten wir auf allen drei Fahrten — von Split, nach und von Rijeka — sehr schön erleben. Das Highlight dieses Tages war aber der erste Blick auf die Adria in Richtung Rijeka und der anschließende 20 Kilometer lange Abstieg über 700 Höhenmeter mit konstantem Blick auf die Häfen der Stadt. Dass wir in Rijeka dann nur etwa eine Stunde Aufenthalt hatten, war zwar schade, aber dann durchaus verkraftbar.

Für die Rückfahrt hatten wir uns bewusst gegen die direkte Verbindung entschieden, um auch mal einen anderen Weg durch die Alpen kennenzulernen. Zwischen Graz und Selzthal sind wir mit einem deutschen Zug (der nach Saarbrücken unterwegs war) gefahren, von dort gab es Schienenersatzverkehr mit einem Bus bis Hinterstoder, wovon wir zum Glück schon vorher per Twitter Wind bekommen haben, denn die Beschilderung im Bahnhof und die Auskunft des Zugbegleiters im Zug dahin waren eher schlecht. Sei’s drum, der Bus hat ohne Halt und mit konstant 100 km/h auf der Autobahn (kürzer als die Bahnstrecke) die Fahrzeit des Zuges grade so einhalten können, und wir kamen pünktlich in Linz an, wo wir uns mit einem Triebfahrzeugführer und einem Fahrdienstleiter getroffen hatten, die uns eine spezielle Rundtour durch den Bahnhof Linz gaben. Schließlich hatten wir im ICE noch den Logenplatz ganz vorne hinterm Fahrer, und ab Passau war die Glasscheibe auch durchsichtig und wir konnten die Strecke beobachten und natürlich bei Einfahrt in Frankfurt Hauptbahnhof die Skyline in der Nacht sehen.

Das nächste Mal dann mit mehr Zeit in Sarajevo, Split, Rijeka…


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