Echte Bücher Zwischendurch

Original-Post

Immer mal wieder drückt mir jemand mal ein Buch in die Hand mit der Aufforderung, das müsse ich mal lesen. Ende 2012 bekam ich so gleich drei Bücher, zwei im weitesten Sinne über Sexualität, eines über Mathematik und den freien Willen und konnte daher nicht mit den e-Books weitermachen.

Empfehlungsgemäß begann ich mit Sex at Dawn: The Prehistoric Origins of Modern Sexuality von Christopher Ryan und Cadilda Jethá. Ich mochte den Stil des Buches gar nicht – die Autoren verwenden viel zu viel Zeit darauf, zu sagen, dass das Standardbild menschlicher Sexualität (Monogamie, oder wenigstens serielle Monogamie (also immer nur einen Partner gleichzeitig, aber der kann im Laufe der Zeit wechseln), oder vielleicht Polygame Männchen zu Monogamen Weibchen) falsch ist, und warum die anderen Forscher alle Fehler machen, und viel zu wenig Zeit damit, ihren eigenen Punkt zu machen und ihre eigene Hypothese aufzustellen: Dass wir nicht „wie die Tiere“ sind, wenn wir viel Sex haben, sondern viel mehr gerade das die Menschen ausmacht. Sex als soziales Instrument, nicht zur Fortpflanzung. Dabei sind viele Punkte, die sie machen, gut, nachdenkenswert, für mich neu, provokant. Aber dann kommt immer wieder dieses „aber die anderen machen ständig Denkfehler“. Leider nervig, aber eigentlich gut. Leitthema: Sexualität ist natürlich, normal, gut, und viel mehr als Fortpflanzungsmittel.

Einen starken Gegenentwurf hatte ich dann mit „Elementarteilchen“ von Michel Houellebecq, einem Roman, der den Lebensweg zweier Halbbrüder nachzeichnet, die eine Hippie-Mutter haben, was beider Leben versaut hat. Beide kriegen es nicht hin, ein sinnvolles Verhältnis zu Frauen oder ihrer eigenen Sexualität aufzubauen, und am Ende extrapoliert Houellebecq ins Jahr 2070, in der sich die Gesellschaft durch die Erfindung des Klonens durch einen der beiden Brüder radikal verändert hat. Ein Leitthema in dem Buch ist, dass freier Sex schlecht ist – wenigstens verstehe ich das Buch so. Einem der beiden Protagonisten legt der Autor den Gedanken in den Mund, dass Kinderschänder und Satanisten eine logische Folge der Sexuellen Revolution sind. Würde ich nicht nochmal lesen.

Wirklich anstrengend, aber extrem lohnend war dann die Lektüre von „Gödel, Escher, Bach: an Eternal Golden Braid“ von Douglas Hofstadter. Hofstadter ist theoretischer Physiker, der sich in diesem Buch von 1979 vor allem mit künstlicher Intelligenz auseinandersetzt. Dabei verbindet er die Musik von Bach mit den Bildern von Escher (das sind zum Beispiel diese Bilder von physikalisch unmöglichen Anordnungen) und beides mit dem Unvollständigkeitssatz von Gödel, einem Mathematiker, der in den 1930er Jahren entdeckt hat, dass es in jeder hinreichend umfangreichen mathematischen Theorie Aussagen geben muss, bei denen man nicht entscheiden kann, ob sie richtig sind – man kann also immer ein Äquivalent der Aussage „Dieser Satz ist falsch“ finden.

Hofstadter führt dazu recht ausführlich in die Zahlentheorie ein, um den Satz zu motivieren, und schwenkt dann in Richtung Intelligenz und vor allem künstliche Intelligenz. Zwischen den Kapiteln streut er Dialoge, die meisten zwischen Achilles und der Schildkröte, ein, in denen er spielerisch die Konzepte aus dem Sachteil einführt, wiederholt, hervorhebt. Einige dieser Dialoge sind dabei Musikstücken von Bach nachempfunden: So gibt es einen Dialog, er wie ein Spiegelkanon aufgebaut ist, in dem beide Figuren die gleichen Sachen sagen, nur fängt die Schildkröte damit bei der letzten Aussage von Achilles (und umgekehrt) an. Der Effekt ist erstaunlich. Ein ander Mal erzählt er eine Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte, kommt aber zu der urprünglichsten Geschichte nicht wieder zurück – damit demonstriert er, wie es ist, wenn ein Musikstück nicht wieder zur ursprünglichen Grundtonart zurückkehrt. Eines Tages wandern die Figuren durch Gemälde von Escher, und einmal treffen sie sich mit der Krabbe und dem Ameisenbär, um ein Vorspiel und eine Fuge von Bach anzuhören. Hier schafft Hofstadter es, die Musikstücke von den Figuren beschreiben zu lassen, man liest also, was gerade in der Musik geschieht, und die vier Gesprächsteilnehmer machen genau das, was die Stimmen in der Fuge tun – Hofstadter schreibt also eine Dialogfuge. Nun habe ich nicht so viel Überblick über Fugen, daher bin ich mir sicher, dass ich vieles von den versteckten Tricks nicht bemerkt habe, trotzdem war es unwahrscheinlich erhellend, auch nur das Oberflächliche von Hofstadter’s Kunst zu entdecken.

Viele Gedanken, die sich Hofstadter Ende der 1970er Jahre gemacht hat, finde ich auch heute noch komplett richtig – was ich aufgrund des enormen Fortschrittes der Computertechnik seit damals keinesfalls für selbstverständlich halte (immerhin geht es viel um Computer). Zwei Sachen sind mir aber als anachronistisch aufgefallen: Die Paper von Turing, mit denen er die moderne Computertheorie begründet hat, sind für ihn zwar auch „alt“ – bei ihm sind das aber dreißig Jahre. Für mich sind Turing’s Arbeiten in Stein gemeißelt und altertümlich. Das zweite: Hofstadter schreibt, dass wenn ein Computer besser als alle Menschen Schach spielen lernen könnte, wäre die große Herausforderung noch, ihn zum Schachspielen zu überreden, denn das ginge nur mit einer ausgewachsenen Intelligenz und einem „eigenen Willen“. Bei XKCD kann man gut sehen, dass er damit unrecht hatte: „Normale“, nicht-intelligente Computer konnten 1996 das erste Mal den besten Menschen im Schach schlagen, und 2005 hat das letzte Mal ein Mensch gegen den besten Schachcomputer gewinnen können.

Diese Fehleinschätzung der Komplexität von Schach schmälert aber weder das Buch noch seine anderen Thesen. Gödel, Escher, Bach ist für Menschen, die sich in Mathematik und Mathematischen Denkweisen nicht wohlfühlen, wahrscheinlich ungeeignet, was ich sehr schade finde. Ich selbst bin über manche technischen Dinge hinweggegangen, weil ich lieber wissen wollte, wie es damit dann weitergeht, als was die genauen Details sind, aber natürlich weiß ich, dass ich als theoretischer Physiker es wesentlich leichter habe, den restlichen Teil zu verstehen als der Durchschnittsmensch. Wie gesagt, schade, denn es sind so viele tolle Gedanken in dem Buch, dass ich es eigentlich jedem gerne empfehlen würde.

Seit Gödel, Escher, Bach lese ich wieder auf dem kindle. Nach Life on the Mississippi von Twain habe ich alle Klassiker durch, mal sehen, ob ich dann auch mal ein eBook kaufe.

baeuchle

Autor: baeuchle

Baujahr 1984, Maikind. Geboren in Frankfurt, aufgewachsen in Frankfurt, bis ins Alter von 31 Jahren eigentlich immer Frankfurt. Jetzt Kassel. Ausführliche Vorstellung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

seven × one =