Rekord

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Ich habe hier noch nie was über Sport geschrieben (außer Fahrradfahren). Weil ich eigentlich der Meinung bin, dass Sport Mord ist. Aber mit einem großen Turnier gerade hinter uns, habe ich doch das Bedürfnis, was zu sagen.

Manchmal gibt es so Situationen, wo man einen Sportteilnehmer (sei es Mannschaft, Frauschaft oder Einzelsportpersonen) gut findet, und ihnen ein gutes Gelingen wünscht. Und man sich gerne die Wettkämpfe ansieht. Deutsche, die gerne Deutschen zujubeln, sind dabei oft sehr erfolgsverwöhnt. Aber dann, auf einmal, kommt ein Lance Armstrong daher und man merkt, dass Jan Ulrich vielleicht gut, aber nicht gut genug ist, der Beste zu sein. Auch als Lance mal richtige Probleme hatte, konnte Jan ihm nicht weit genug davoneilen, um daraus Kapital schlagen zu können. Naja, damals blieb Erik Zabel, über den man sich regelmäßig freuen konnte. Und mittlerweile hat sich der (professionelle) Radsport aus meinem Interesse herausgedopt, also was soll’s.

Nun war also Europameisterschaft in der Deutschen liebsten Sportart: Männerfußball. Deutschland (eigentlich ist es ja „die Deutsche Mannschaft“ oder „die DFB-Auswahl“, aber ich benutze das jetzt mal so) ist im Halbfinale ausgeschieden, kam also unter die besten vier, und wenn man bedenkt, dass Deutschland gegen den anderen Halbfinalisten Portugal während diesem Turnier gewonnen hat, kann man wohl getrost sagen, Deutschland ist dritter geworden.

Dritter. Oder von mir aus vierter, das spielt keine Rolle. Wie sich die öffentliche Wahrnehmung der Mannschaft durch die Halbfinalniederlage gegen Italien geändert hat, hat das Bildblog in einer beeindruckenden Bilderserie zusammengefasst. Arndt Zeigler (vorsicht, Link geht zu Facebook) hat mir da ebenfalls aus der Seele gesprochen. Zusammengefasst kann man sagen: Hey, Deutschland war doch eigentlich ziemlich gut!

Und damit sind wir beim Kern der Sache: In den letzten vier großen Turnieren war Deutschland (und ich ertappe mich, dass ich „wir“ schreiben will, tststs) viermal unter den besten vier, und mit dem Argument von oben unter den besten drei. In den letzten 6 Turnieren immerhin fünf mal. Kein anderes Team hat das geschafft. Ist das nichts? Gut, Italien war in dem Spiel besser als Deutschland. Herzlichen Glückwunsch! Spanien schien im Halbfinale besiegbar, so wie damals Lance Armstrong. Aber da hat nicht Deutschland gegen Spanien gespielt, sondern Portugal. Und Deutschland war noch nicht im Finale angekommen. Aber, die Italiener packen wir doch locker, wurde mir gesagt. Taten wir nicht. Oder, natürlich: tat die Deutsche Männerfußballnationalmannschaft nicht. Aber egal, welcher Gegner es im Finale war: Die Spanier haben ein sehr gutes Spiel abgeliefert und ich bezweifle, dass Deutschland Europameister geworden wäre, wenn die Mannschaft denn ins Finale gekommen wäre.

So lässt sich feststellen, dass Spanien und Italien definitiv momentan erfolgreicher sind als Deutschland, und definitv nicht schlechter. Ebenbürtig ist Deutschland, vielleicht, aber nicht besser. Und das ist doch auch okay so.

Spanien hat Rekorde aufgestellt; drei Turniere hintereinander zu gewinnen, den Europameistertitel zu verteidigen, all das hat noch keine Mannschaft geschafft. Wir werden sehen, wie es weitergeht. Und so sehr ich mir einen Deutschen Titel wünschen würde, so sehr wäre ich auch zufrieden, wenn Deutschland 2014 in Brasilien ins Halbfinale kommt und davor Spanien besiegt hat.

Denn auch Deutschland hat einen Rekord aufgestellt während der EM 2012: Nie zuvor hat irgendeine Nationalmannschaft 15 Pflichtspiele hintereinander gewonnen (Spiel um Platz 3 2010, 10 Qualifikationsspiele, 3 Vorrundenspiele und das Viertelfinale gegen Griechenland). Deutsche, wollt ihr auf irgendwas stolz sein? Wie wäre es damit? Und dabei wurde ein anderer Halbfinalist dieser EM besiegt (Portugal) und der Vizeweltmeister, als er schon mit dem Rücken zur Wand stand (Niederlande). Die Todesgruppe wurde ohne Punktverlust beendet.

So fiebere ich weiterhin mit den Deutschen mit, hoffe, dass Löw Bundestrainer bleibt und „wir“ weiterhin unter den besten Teams der Welt bleiben. Ziel für 2014: Halbfinale. Ja, ich bin für Deutschland. Ja, ich zeige auch gerne die Flagge während Fußballspielen. Ja, ich ärgere mich auch und bin enttäuscht, wenn es wieder mal knapp nicht reicht (oder auch deutlich) — vor allem, da der DFB ja wieder erkannt zu haben scheint, dass ein Empfang am Römer im Herzen Deutschlands viel besser ist als einer in diesem preußischen Provinznest. Aber ja, ich schäme mich auch für Leute, die einem Özil vorwerfen, dass er nicht die Hymne singt (das haben die Deutschen Spieler doch eigentlich noch nie in der Mehrheit getan, oder?). Und die bei Toren von Balotelli gegen Deutschland von Negern anfangen zu sprechen. Und die eine Deutsche 88 auf dem Trikot tragen und die von der U-Bahn von Lemberg bis nach Auschwitz schwadronieren.

Das verdirbt mir die Lust am Fußballgucken aber immer nur ein bisschen, und nie genug.

Siste Stasjon Vaksdal

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(Tag 109) Endstation Vaksdal. An einem schön scheinendem Samstag morgen entschloss ich mich heute, den letzten Tag meines Scan-Rail-Tickets auszunutzen und ein bisschen die Bergensbane entlangzufahren. Ich fuhr in die Stadt und nahm den Zug um halb elf in Richtung Oslo. Der Lokführer sagte mir zunächst, dass es nicht möglich sei, mitzufahren, überlegte lange rum, aber, nein, geht nicht. Als ich auf dem Weg zu den Wagen war, rief er mir hinterher. Wegen der Entgleisung nach Erdrutsch am 6. November seien momentan große Sicherheitsvorschriften und deren Überprüfung angesagt, und naja… naja… ähm… in Hallingskeid solle ich vorkommen.

Also setze ich mich erstmal in den Wagen, und meine Laune sank stetig, als es immer bewölkter und dunkler wurde. Bald fing es auch an, zu regnen. Habe ich den Tag verschwendet? Der Zug lieferte sich ein Wettrennen mit den Wolken, und kurz hinter Voss ging dem Wind die Puste aus, Sonne schien auf immer dichter werdenden Schnee. In den fünf Minuten Aufenthalt in Myrdal stieg ich aus, um zu fotografieren, und mit mir zwei australische Mädels, die noch nie zuvor Schnee gesehen hatten und diesen für eine Schneeballschlacht nutzten.

In Hallingskeid also, einem Bahnhof, der in einer Schneeverwehung liegt, packte ich meine Sachen und ging vor. Der Fahrer erzählte mir davon, dass es bis Hallingskeid eine Lawinenwarnung gab und deshalb noch jemand mit auf der Lok war und noch einiges anderes, und er nahm mich bis Geilo mit, wo ich eine Stunde auf den Gegenzug wartete. Eigentlich wollte ich nicht so weit, aber er meinte, in Finse (mein eigentliches Ziel) könne ich nur im Warteraum sitzen, und das wesentlich länger, und in Geilo sei wenigstens was los. Was soll ich sagen; er hatte ja recht. In beiden Fällen wäre ich mit dem selben Zug heimgekommen. Oder auch nicht, aber dazu gleich mehr.

Wenn so eine Straße aussehen würde, hätte man verloren. Wenn man bei so einer Strecke im ersten Wagen sitzt und rausgucken will, auch, denn dann sieht man nur aufgewirbelten Schnee. Aber von vorne isses toll!
Nur einer von tausenden See, die ich fotografiert habe, hier schon auf der Rückfahrt, vor Haugastøl.
An dieser Station (Finse) hatte ich mein erstes Schneebild gemacht, aber das ist richtiges Schneewetter.
Und im selben Bahnhof; hier ist ein alter Wagen der Bauart B1 als „Übergangslösung“ zwischen zwei Gebäuden installiert worden.

Den Lokführer des Rückzuges fragte ich selbstverständlich auch, ob er mich mitnehmen könne, dieser hat aber sofort abgelehnt, also sah ich die Sonne vom Wagen aus untergehen. Bei dem ganzen Schnee blieb es noch recht lange hell, und ich fühlte mich wieder an jenen Dienstag morgen im ersten Semester erinnert, als ich Ende Januar auf dem Weg zur Mathevorlesung beim Anblick der jungfräulichen Autobahnauffahrt ein Lied geschrieben hatte — alle Anzeichen der Menschen sind unter dem Schnee begraben…

Hinter Myrdal schneite es dann, und bald war es wirklich viel zu dunkel, um was zu sehen. Ich war müde und freute mich auf daheim. Als wir genug Höhe verloren hatten, ging der Schnee in Regen über, und als wir so fuhren, gab es auf einmal (ich saß im dritten Wagen) einen riesigen Funken über dem Zug, und es tat einen Schlag. Der Zug hielt an und die Zugführer stiegen aus, um die Lage zu inspizieren, doch kurz danach ging es weiter.

Bis Vaksdal.

Dort hielt der Zug, und es kam die Durchsage, dass es ein Problem gäbe, mit dem Strom (genau habe ich es nicht verstanden), und die noch nicht wüssten, wann und wie es weitergehe. Recht bald war klar, dass der Zug heute nicht mehr weiterfährt, und Busse wurden angefordert. Krieg mal am Samstag abend um sechs Uhr vier Reisebusse. Spontan, natürlich! Klappt nicht, ist ja klar. Die beiden Frauen, die das Zugcafé bedient haben, gaben gratis essen und gratis Getränke aus, und ich widmete mich dem Sudoku und Karuko, dass ich einer Zeitung fand, half dem Zugpersonal bei Übersetzungen für deutsche Touristen, die Panik schoben, ihr Hurtigruter-Schiff nicht mehr zu bekommen (es ging um halb elf), und anderen Passagieren dabei, ihr Gepäck auf den Hausbahnsteig zu tragen, und fuhr schließlich auch mit dem Bus heim, drei Stunden war am Ende die Verspätung.

Und da war die Reise zu Ende, dort, in Vaksdal, steht der Zug wahrscheinlich jetzt (also Samstag, 10 nach Mitternacht) immer noch.

Noch ein bisschen was anderes: Freitag war mal wieder ein Sonnentag, und ich habe sogar mal ungesalzene Butter gefunden, die ist aber doppel so teuer wie gesalzene, deswegen habe ich sie nicht gekauft. Und, ach ja, und wer in letzter Zeit einen Blick in die Bild-Zeitung geworfen hat, der wird die Anti-Wikipedia-Kampange entdeckt haben: Die Bild-Zeitung bezahlt, kurz gesagt, momentan Leute dafür, in die Wikipedia Fehler einzubauen und diese dann zu melden, was sie dann lange breit tritt. Vielleicht will sie bald ein „Volkslexikon“ herausbringen? Jedenfalls zeigen die Beispiele, die Bild bringt, eigentlich nur, wie gut ein OpenSource-Projekt funktioniert, denn alle Beispiele waren — schon vor VeröffentlichungAnprangerung durch Bild und Bild.de — nach kürzester Zeit (zwischen einer Minute und einer halben Stunde) korrigiert. Wo gibt’s das schon noch?